24 Jun

Was machen eigentlich „Profiler“?

Aus Wolfenbüttel berichtet Workshopteilnehmerin Andrea O’Brien

Alexander Horn
Die Logik der Tat

Zu Beginn des Workshops, der sich einer hohen TeilnehmerInnenzahl erfreute, stellte uns der Leiter Alexander Horn kurz den geplanten Ablauf vor und erkundigte sich dann nach speziellen Wünschen der TeilnehmerInnen. Besonders wichtig, so kam es aus den Reihen der ÜbersetzerInnen, sei vor allem der korrekte Gebrauch der einschlägigen (deutschen) Terminologie, die uns in der von Profilern und deren Arbeit handelnder Literatur begegne. Diesem Wunsch versprach Herr Horn im Rahmen seines Konzepts zu entsprechen.

Diskrepanz zwischen Fiktion und Arbeitswirklichkeit

Zunächst ging es aber darum, die potentielle Diskrepanz zwischen der landläufigen, in der Spannungsliteratur kolportierten Vorstellung von so genannten „Profilern“ und deren Arbeit und der tatsächlichen Arbeitswirklichkeit zu klären. Dazu lud Herr Horn die TeilnehmerInnen ein, von ihren diesbezüglichen Kenntnissen zu berichten. Zu den gängigen Klischeevorstellungen gehört offenbar u.a., dass „Profiler“ stets männlich sind, eine psychologische Vorbildung haben, ständig in Quantico weilen, erst im Laufe einer bereits länger andauernden Ermittlung hinzugezogen werden und eine Art „psychologischen Fingerabdruck“ des Täters erstellen.

Die deutschen „Profiler“ heißen „Fallanalytiker“ und arbeiten in der „Operativen Fallanalyse“

Tatsächlich heißen die deutschen „Profiler“ in Wahrheit „Fallanalytiker“ und arbeiten in der „Operativen Fallanalyse“. Sie sind keine einsamen Wölfe, sondern immer Teil eines Teams. Herr Horn räumte zwar ein, dass er zu Beginn seiner Ausbildung Zeit in Quantico verbracht habe, erzählte den TeilnehmerInnen aber, dass dies glücklicherweise nicht mehr so häufig nötig sei, und dass der Aufenthalt in Quantico nie besonders angenehm gewesen sei. Richtig sei auch, dass Fallanalytiker eine Art psychologischen Fingerabdruck eines Täters zu erstellen versuchen.

Dieser ersten Klärung schloss sich die zentrale Frage an, bei welcher Art Verbrechen ein Fallanalytiker zum Einsatz käme. Nach einiger Diskussion mit mehreren richtigen Antworten lieferte Herr Horn eine finale Liste:

Bei welchen Verbrechen spielen
Fallanalytiker eine Rolle?

  1. Gewaltverbrechen
  2. Sexualverbrechen
  3. Entführungsfälle
  4. Terrorismusdelikte (sämtliche Anschläge, wo das Verhalten des/der Täter/s bewertet wird)
  5. Hasskriminalität
  6. Fälle von Stalking (Prominente) bzw. Gefährdungsbewertung

Herr Horn gab den TeilnehmerInnen dann eine kurze Einführung in die Geschichte der OFA Bayern (Operative Fallanalyse Bayern), aus der vor allem hervorging, dass sich diese in Deutschland einzigartige Abteilung aus einem Pilotprojekt zum Thema Serienmörder entwickelt hat.

Fallanalytiker sind immer Berater, nie Ermittler

Ein Fallanalytiker, so Herr Horn, sei immer Berater, nie Ermittler. Fallanalytiker kommen zum Einsatz, wenn es gelte, in komplexen Handlungssituationen schwerwiegende Entscheidungen zu treffen. Komplexe Handlungssituationen entstehen von allem dann, wenn bei einem Verbrechen durch hohe Aufmerksamkeit der Medien, Politik oder Öffentlichkeit starker Druck auf die ermittelnden Beamten entsteht. Drei Umstände kommen in solchen Fällen zusammen und führen bei den Ermittlern zu so genannten Hochstresssituationen. Diese sind 1.) Hoher Entscheidungsdruck (aus Politik, Medien, Öffentlichkeit), eine ungünstige Informationslage (unklar, unübersichtlich, widersprüchlich) und eine Entscheidungsperson, die über nicht ausreichend Hintergrundwissen über die Art der Tat und wenig Erfahrung mit einer solchen Tat verfügt (z.B. bei Sexualmord, Serienmord, Kindsmord etc. in Kleinstadt).

Da die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit der Beamten in einer solchen Hochstresssituation stark eingeschränkt ist, wird ein hinzugezogener Fallanalytiker zunächst dafür sorgen, den Stress bei diesen Personen zu reduzieren, um wieder ein mittleres Stressniveau zu erreichen, das als besonders handlungsförderlich gilt. Der Fallanalytiker wird als Berater hinzugezogen, der in einer hochkomplexen Ermittlungssituation die Umstände der Tat analysiert, Zusammenhänge zu erkennen versucht (z.B. mithilfe der Datenbank VICLAS) und bei Sexualstraftätern im Risikomanagement tätig ist (Datenbank hier: HEADS).

Wichtig: Immer objektiv bleiben!

Entgegen der landläufigen Meinung ist sind Fallanalytiker  keine Psychologen, sondern haben immer eine kriminalistische Ausbildung durchlaufen und im Kriminaldienst Erfahrungen gesammelt. Ihre Arbeit, die operative Fallanalyse, dient dem vertieften Fallverständnis, d.h. es geht darum, das Verbrechen zu verstehen und nicht nur um die Erstellung von Täterprofilen. Das Ziel der operativen Fallanalyse ist es, ermittlungsunterstützende Hinweise zu geben, die sich auf der Grundlage objektiver Daten ergeben. Wichtig ist hier die Betonung auf „objektiv“!

Alexander Horn bei seinem spannenden Vortrag in Wolfenbüttel

Fallanalytiker arbeiten immer im Team, denn sie arbeiten zunächst mit Hypothesen, wobei sie eine hohe Hypothesenvielfalt und vor allem eine gründliche Hypothesenprüfung brauchen, was nur im Team möglich ist.

Am Ende einer solchen Fallanalyse steht der so genannte „Ergebnisbericht der Fallanalyse“ und nicht etwa das „Profil“ oder „Täterprofil“.

Fallanalytiker kommen von außen, sie sind Berater, sie ermitteln nicht. Sie sind objektiv!

Nachfolgend informierte uns Herr Horn anschaulich, wie knifflig die Entscheidungsfindung bei der Verbrechensaufklärung sein kann. (z.B. ist der Täter „Mad“ oder „Bad“?)

Zum Tätigkeitsprofil eines Fallanalytikers gehören neben Kenntnissen der Kriminalistik, Kriminologie, kriminologische Erfahrung als Ermittler bei der Mordkommission o.Ä., Aus- und Fortbildung in der Psychologie und Psychiatrie auch fundiertes Wissen aus der Rechtsmedizin, denn es gilt zum Beispiel auch, mit Rechtsmedizinern über die vorliegende Tat zu diskutieren. Egal, mit welcher Ausbildung ein Beamter antritt, bei der OFA fängt er wieder ganz von vorn an.

Wort des Tages:

Blutspurenverteilungsmusteranalyse

Im Rahmen dieser Ausführungen fielen für uns Übersetzer wichtige Begriffe wie „stumpfe Gewalt“, „scharfe Gewalt“, „stumpfer Gegenstand“, „spitzer Gegenstand“, „halbscharfe Gewalt (!)“, Blutspurenverteilungsmusteranalyse (blood spatter analysis)

Zu den Grundannahmen der Fallanalyse gehört der Umstand, dass Verhalten Persönlichkeit reflektiert. Jeder Täter fällt Entscheidungen, und daraus ziehen Fallanalytiker ihre Rückschlüsse. Wichtig sind außerdem die Einflussfaktoren einer Tat. Wie ist der Täter? Wie das Opfer? Wie die Tatsituation? Auch wenn ein und derselbe Täter mehrere Taten verübt, können sie sich wesentlich unterscheiden, weil Opfer oder Tatort anders waren. Eine Tat ist eine Interaktion mit dem Opfer. Eine Rolle bei der Bewertung spielen außerdem Informationsgrundlagen wie forensische Daten, das Opferbild und der Tatort (z.B. Straßenstrich), bei Kindsmorden müssen z.B. die Zugriffsmöglichkeiten abgeklopft werden, die meist klein sind.

Es geht also generell um eine hochmethodische Vorgehensweise. Geklärt werden muss 1) das Was? (Tathergangsanalyse), 2) das Warum? (Bewertung des Verhaltens und der Motivation) und 3) das Wer? (Aussagen zur Täterpersönlichkeit)

Von der Rekonstruktion zur Interpretation

Bei der Fallanalyse gelangen wir also von der Rekonstruktion zur Interpretation.

Bei der Erstellung des Täterprofils werden eine Reihe von Faktoren abgeklopft:

  1. Alter
  2. Regionalität
  3. Vorkenntnisse
  4. Vor- und Nachtatverhalten
  5. Bezug zum Opfer
  6. Lebenssituation / Sozialkontrolle
  7. Weitere Beschreibung der Persönlichkeit.

Die Fallanalyse arbeitet mit Hintergrundwissen (Informationen aus der Kriminalistik, Kriminologie, Psychologie, Psychiatrie und Rechtsmedizin), Methodik (Methodische Herangehensweise nach festen Qualitätskriterien) und Fallerfahrung (Analysierte Fälle, Forschungsprojekte, Serienvergewaltiger)

Bei den Entscheidungsprozessen sind drei Faktoren entscheidend:

  • Umgang mit Informationen
  • Bewertung dieser Informationen
  • Umsetzung von Maßnahmen

Abschließend berichtete Herr Horn anhand realer Kriminalfälle, wie schwierig und wichtig die Trennung zwischen Informationsarten ist. Handelt es sich um eine Tatsache, Wahrnehmung oder Hypothese? Dabei zeigte Herr Horn anhand der Fälle des so genannten Yorkshire Rippers in UK und einer Reihe lange ungeklärter Kindsmorde in Deutschland eindringlich auf, wie Ermittlungsentscheidungen, die auf Wahrnehmung basierten, eine schnelle Aufklärung der Fälle verhinderte. Am Ende beider Fälle stand eine wichtiges Fazit: Subjektive Wahrnehmung ist immer unzuverlässig!

Fazit: Subjektive Wahrnehmung ist immer unzuverlässig!

Und mit dieser Einsicht beendete Herr Horn seinen höchst informativen und sehr fesselnden Workshop.

(c) Text: Andrea O’Brien, Juni 2016

(c) Fotos Ebba Drolshagen