13 Jul

Ein kleines Plädoyer für waghalsigeres Übersetzen

Hanna Ohlrogge über die Freiheit des Übersetzers.

„Wir reiten das Pferd nicht, wir striegeln es nur“, hat mal jemand zu mir gesagt. Gemeint hat er damit, dass wir Übersetzer so was wie die Stallburschen der Literatur sind – wir wissen genauestens über die Vierbeiner Bescheid, aber über Wortwiesen galoppiert wird woanders. Das fand ich zuerst gewitzt formuliert, und dann schnell ziemlich traurig. Denn wenn ich übersetze, schreibe ich am liebsten unübersetzbare Sätze. Solche, die so deutsch sind, dass sie sich so leicht in keiner anderen Sprache sagen lassen. Ich mag das nicht, wenn ich in meiner Übersetzung die Sprache des Originals zu unverhohlen nachhallen höre. Deutsch ist viel zu schön dafür. Finde ich.

Regeln sind Regeln – oder nicht?

Fang bitte keine Sätze mit „und“ an, hat sie in Rot unter meinen Schulaufsatz gekritzelt, wieder. Das ist bereits das dritte Mal, der dritte Aufsatz, aber ich bin trotzig, ich mag das eben, dieses Luftholen zum Auftakt, manchmal braucht es das. Nein, erklärt sie mir, Regeln sind Regeln, die sind für gutes Deutsch gut. Wenn man ihnen nicht folgt, wird kein Schuh draus, sondern eben schlechtes Deutsch. Basta. Sagt die Lehrerin.

Deutsch, das war meins, was Intuitives, das sich langen Erklärungen entzog und das eher mit dem Bauch als mit dem Verstand begriffen werden wollte.

Ich wollte Übersetzerin werden, weil ich dachte: Deutsch kannst du ja schon. Das war was Privates, Deutsch, das war meins, was Intuitives, das sich langen Erklärungen entzog und das eher mit dem Bauch als mit dem Verstand begriffen werden wollte. Ich verbrachte den Sommer in der dielenknarzenden Tausendseelendorfbücherei und entdeckte irgendwann die verstaubte Ecke mit den Gedichtbändchen, die nie einer auslieh. Über die langen Ferien stapelten die sich unter meinem Bett, manche Zeilen weiß ich heute noch. Ich sage dir meinen Namen, sprich / und gib mir die Sprache wieder / aus deinem sprachlosen Mund, das war Enzensberger, das war romantisch, dann aber auch Hier diese Reihe sind zerfallne Schöße, das war Benn, wohl weil man mit siebzehn auch mit dem Morbiden kokettiert. Auf jeden Fall gab es da plötzlich Verse, die zu Ohrwürmern wurden, Verse, die mich in den Schlaf sangen, deren Bilder und Silben anders ratterten als Sätze, die zum bloßen Alltagsgebrauch gedacht waren. So möchte ich auch schreiben können, dachte ich, und dann irgendwann: Was, wenn ich so schreiben müsste, einfach, weil es schon so dastünde, nackig und rettbar, nur eben noch nicht auf Deutsch? Ich würde übersetzen, würde auf den Tag hinfiebern, an dem ich zum ersten Mal „Fisimatenten“ in einen Satz mogeln konnte, oder „Kapitälchen“, oder „Reneklodenmarmelade“. Und ja, ich würde Sätze mit „und“ anfangen.

Ich würde übersetzen, würde auf den Tag hinfiebern, an dem ich zum ersten Mal „Fisimatenten“ in einen Satz mogeln konnte, oder „Kapitälchen“, oder „Reneklodenmarmelade“.

Ich erinnere mich gut an einen meiner ersten Versuche, zu Unizeiten, aus einem französischen Text einen deutschen zu zerren. Vom „vergilbten Licht einer Lampe“ habe ich da gesprochen, stolz wie Oskar. Ich glaube, ich fand mich unheimlich poetisch. Die Übersetzerin, die sich mein Ergebnis besah – eine kluge Frau, zungenfertig, belesen, geistvoll, in ihrem wild gemusterten Pullover für mich der Inbegriff genau dieses intellektuellen Eigenbrötlertums, das mir an dem Beruf so romantisch erschien – schimpfte allerdings und fegte mit rigorosem Rotstift durch meine Zeilen: Papier vergilbt, und vielleicht auch Gardinen. Licht nicht. Schau genau hin, da steht im Französischen doch schlicht und einfach „jaunâtre“. Schreib lieber „gelblich“.

Von den Untiefen der eigenen Sprache

Dann also: die Untiefen der eigenen Sprache lernen. Hinschauen, ihr zuhören. Aber bald auch die Feststellung, dass Übersetzen – besonders von Schöngeistigem – eine ganz eigene Welt aus Sitte und Intuition bedeutet. Eine Gratwanderung. Sprachgefühl plus Regelwerk, minus künstlerischer Freiheit, irgendwie. Eine Demut gegenüber dem Ausgangstext. Immer auf der Jagd nach der idiomatischsten Formulierung, nach dem perfekten Konkubinenwort, das sich seinem Original so unauffällig wie möglich anschmiegt, ihm keine Steine in den Weg oder gar Mund legt. Deutsch sollte sich schminken: makellose Haut, die Falten alterslos übertüncht, und bitte Vorsicht, dass da kein Lippenstift auf den Zähnen landet. Pass auf mit den Partizipien, die sind so schwerfällig, bläute man mir ein. Sprich nicht von „gesundem Menschenverstand“, der ist braun angehaucht. Wiederholungen sind böse, schaff dir ein Synonymwörterbuch an und werde allergisch auf Relativsätze, die die Dopplung nicht vermeiden können. Fang nicht mehrere Sätze in Folge mit dem gleichen Personalpronomen an, das ist so amerikanisch.

Das Wort „schön“ ist nicht schön, im Gegenteil, es ist nichtssagend

Das Wort „schön“ ist nicht schön, im Gegenteil, es ist nichtssagend. Sätze mit „machen“ macht man nicht. Die Regeln und all ihre vielen Nuancen stifteten Verwirrung: Ich wusste bald nicht mehr, an welche ich mich halten und welche ich ablehnen sollte. Ich verstrickte mich in Sätze, die krampfhaft versuchten, alle möglichen Gefahren zu meiden, und das, was ich vorher hochtrabend „Sprachgefühl“ genannt hätte, erschien mir plötzlich kümmerlich und unlernbar: Die Summe aller Regeln, und seien sie noch so subtil befolgt, macht schließlich noch keine gute Übersetzung, oder doch? Man schwimmt und lernt vielleicht, die Eisberge deutlicher im Nebel zu erkennen und umschiffen, aber muss man nicht manchmal auch mit voller Gewalt in sie reinkrachen?

Der Mut zum Ungefragten

Im Laufe der Zeit – und je mehr Übersetzungen ins Deutsche ich lese oder anfertige – wächst der Eindruck, dass diesen Texten oft irgendetwas fehlt. Das, was unsagbar zwischen den Sprachen hängenbleibt, sicher. Aber darüber hinaus noch etwas anderes: der Mut zu einem Ersatz, der Mut vielleicht zum Ungefragten. Wenn ich im Wesentlichen nichts anderes tue, als immer das unanstößigste, das glatteste, das idiomatischste Wort zu finden, wo bleibt mir denn dann noch Raum für das, was ich (ja, ich) als schön empfinde, vielleicht auch gerade deshalb, weil es ein bisschen schief ist?

Der Sommer war sehr groß, nein, Rainer Maria, sag doch lieber, „er war lang“

Hieße das nicht, dass Sätze schmuck und befremdlich und gewollt klingen dürfen, wenn ich sie unabhängig von einem Original erfinde, mir aber als mangelnde Kompetenz ausgelegt werden können, wenn ich sie in eine Übersetzung tippe? Der Sommer war sehr groß, nein, Rainer Maria, sag doch lieber, „er war lang“?

Die Frage also, die sich mir einschleicht: Ist es vermessen zu glauben, als Übersetzer hätte man so etwas wie ein Mitspracherecht? Einen eigenen Kopf, stur, der sich weigert, klein beizugeben? Der sein eigenes Ding macht, im Fall von Deutsch eben ein bisschen ruhrpottig und schnöde? Oder kann ich dieser verflixten Abhängigkeit, in die man sich als Übersetzer zwangsläufig begibt, hier und da die Stirn bieten? Nicht aus Trotz, sondern weil es so ist wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung? Die wachsen schließlich auch nicht, wenn der eine immer schrumpft und seine Persönlichkeit an der Tür abzugeben hat.

Ist ein Tanz schön, bei dem der geführte Partner bloß schlaff und halbherzig den Bemühungen des anderen folgt?

Das ist doch dann aber nicht mehr das Gleiche wie das Original, höre ich die Stimmen unken. Und die Stimmen haben recht, das ist es nicht. Aber das ist es doch sowieso nicht. Von Anfang an nie gewesen. Ist ein Tanz schön, bei dem der geführte Partner bloß schlaff und halbherzig den Bemühungen des anderen folgt? Er braucht eine eigene Spannung, eine eigene Leidenschaft, etwas, das über ein bloßes Spiegelbild hinausgeht – und ich meine, mit Übersetzungen verhält es sich genauso. Ich hab das jedenfalls nicht aufgegeben, ich glaube immer noch, dass man so übersetzen kann. Sogar an Tagen, an denen nichts davon wahr ist – zum Beispiel wenn ich morgens den Computer hochfahre und weiß: Heute muss es schnell gehen, heute muss ich mir rein zweckdienliche Texte aus den Fingern leiern, heute ist der Kunde König und nicht der Text, heute verleihe ich meine deutsche Stimme und ich mache sie dabei banal und gelblich, damit ich Brot und Milch und Reneklodenmarmelade kaufen kann.

Sieh hin, sieh genau hin: Texthaut soll klamm und alkoholklar vor dir liegen, mit allen Poren und Härchen

Zwischendrin sind aber andere Tage. Ribbel alles weg, was stört, bevor du übersetzt, und sieh hin, sieh genau hin: Texthaut soll klamm und alkoholklar vor dir liegen, mit allen Poren und Härchen, nur so kannst du erkennen, wo sich die kaum verheilten Schnitte, die Sollbruchstellen verbergen. Manchmal gehen sie von der bloßen Berührung schon auf, schwitzen Blut, Wasser, Eiter. Oder Löwenzahnsaft, Kirschgeist, Sperma. Jauche, Hühnerbrühe, Motoröl. Es kommt darauf an. Manchmal musst du das Skalpell ansetzen, den Punkt finden, genau den richtigen Druck, damit das Fleisch bricht und was sich innen staut nach außen quillt. Galle, Süßmost, Spülwasser. Tinte, Lebertran, Tau. Kein Text ist wie der andere, jeder hat seine eigenen Geheimnisse, aber du, als Übersetzer, musst verstehen, wovon im Innersten die Rede ist, unter der Oberfläche, unter der Wortschicht.

Rock die Sprache!

Und dann rock deine Sprache, mach sie singen, mach sie kreischen und jammern, lass ihre Silben so laut durch deinen Kopf hallen, dass das Trommelfell vibriert, mach Liebe mit Faust, mach Liebe wie Rilke, mach dich vom Totenacker, mach deiner Sprache Luft, pump sie in Heliumballons, plopp sie auf wie Pickel, friss ihr aus der Hand, hämmer sie in Maschinen und dir selber ein, mach sie für dich schön, mach sie scheu, scheu dich nicht vor ihr, scheuch die alten Träume aus ihren kitzligen Ritzen, sei die Reinemachefrau in ihren spiegelgebohnerten Sälen, lieb sie, bis dass ihr weißschwarzer Schachbrettmarmor aufplatzt, grab nach ihren Schätzen, nach Wortprunk, Groß- und Kleinodien, sei in ihren verschwitzen Werkhallen der mit dem Schraubenschlüssel und der ölverschmierten Stirn, sei auf ihren Dielen der Dealer mit Rausch und Gift und Blüten aus Stil, komm mit ihr klar und zur Welt, komm ihr dumm und abhanden, mach sie kirre und verständlich, seeklar und dingfest, mach es ihr recht, mach es ihr wild, mach keine Kompromisse und nichts ungeschehen.

Und wenn du musst, mach Sätze mit machen.

Hanna Ohlrogge hat in Düsseldorf Literaturübersetzen studiert und unterrichtet. Seit mehreren Jahren übersetzt sie Videospiele, Songtexte und Filme. Im Augenblick reist sie hauptberuflich um die Welt.

Veröffentlicht am 30. Juni 2016 in Relue Online, unter: