01 Dez

„Christian Enzensberger – Ins Freie“ Ein Erinnerungsabend: Gespräche und Lesung

„Ein gutes Gedächtnis und Andenken sind viel wert, aber leider gelten sie nur dem Verlorenen; eine gute Erinnerung hingegen, die läßt sich mit Glück wiederholen.“ (Christian Enzensberger)


Dieses Zitat haben die beiden Herausgeber Christiane Wyrwa und Wolfgang Gretscher ihrem unlängst erschienenen Titel „Ins Freie“ (scaneg Verlag) vorangestellt, einer Hommage an Christian Enzensberger (1931-2009), die sich dem Übersetzer, Literaten und Naturgänger über Erinnerungen von Weggefährten, Originaltexte und Werkdeutungen nähert. Und so wollen sie vor dem zahlreich erschienenen Publikum in der Bibliothek des Literaturhauses auch an diesem Novemberabend im Gespräch mit Weggefährten Enzensbergers jene „gute Erinnerung“ wachrufen.

Ein außergewöhnlicher Geist, den es im Lauf seines Lebens aus den etablierten Strukturen mehr und mehr ins Freie drängte…

Zur Einstimmung zeichnet Christiane Wyrwa die wichtigsten Stationen aus Enzensbergers Leben nach: Sprachtalent, das sich bereits in jungen Jahren als Aushilfskraft bei den amerikanischen Besatzern Englisch ebenso mühelos aneignet wie später Neugriechisch, Anglist, Professor der englischen Literaturwissenschaft und ‚Vater‘ des Übersetzerstudiengangs an der LMU, Autor von „Größerer Versuch über den Schmutz“ (1968) und „Was ist was“ (1987) , grandioser Übersetzer von Werken wie Lewis Carolls Alice’s Adventures in Wonderland, Edward Bonds Lear oder Giorgos Seferis Gedichten aus dem Neugriechischen, später dann Naturbetrachter, der dem Universitätsbetrieb urplötzlich den Rücken kehrte und sich in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens mit Haut und Haaren seinem ganz persönlichen Projekt verschrieb: der Verknüpfung der Naturgeschichte mit der Geschichte des eigenen Ich. So in Kürze nur einige Facetten des Mannes, der die Steine – stets im „wir“ – sprechen ließ und in seinem Schaffensdrang zigtausende Seiten an Notizen und Manuskripten hinterließ.

Enzensberger hob den Aufbaustudiengang „Literarisches Übersetzen aus dem Englischen“ an der LMU aus der Wiege, ein damals in dieser Form einmaliges Projekt mit Praxisbezug, das sich inzwischen zu einem veritablen sprachübergreifenden Masterstudiengang gemausert hat.

Die Idee, zusammen mit ambitionierten Studenten in Workshops anhand konkreter und intensiver Textarbeit die Praxis des literarischen Übersetzens zu erproben, war von Beginn an ein Herzensprojekt Enzensbergers, erinnert sich der erste Podiumsgast, sein damaliger Kollege und spätere Nachfolger Werner von Koppenfels. Ein unschätzbarer Gewinn für die Studenten waren dabei Enzensbergers gute Kontakte zu renommierten Verlagen: dank seines Engagements wurden immer wieder Texte der Workshops tatsächlich auch veröffentlicht. Unbezahlbar war wohl auch seine Herangehensweise an die Texte: akribisch, mit höchster philologischer Präzision und Detailverliebtheit wurden Texte begutachtet, wurde bis ins kleinste Detail diskutiert, verworfen, gefeilt. Doch ging es nie um Wortklauberei, wichtig war ihm vor allem die Wirkungsäquivalenz des Textes als Ganzem.

„Für Übertragungen aus der Lyrik hatte Enzensberger ein ganz besonderes Fingerspitzengefühl“

In seiner Lesung lässt Koppenfels Christian Enzensberger denn auch als Übersetzer von drei ausgewählten Gedichten Giorgos Seferis zu Wort kommen lässt, zumal er in Seferis Dichtung auch die Themen verwurzelt sieht, die für Enzensberger immer mehr an Bedeutung gewannen: die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit, der Natur, des Ichs genauso wie die Welt der Steine, die zu Enzensbergers Lebensthema werden sollten.
Aus einer anderen Warte hat Übersetzer Burkhart Kroeber Enzensberger kennengelernt und gibt gleich zu Beginn eine Anekdote zum Besten.

„Ein Buch für die Intellektuellen, wenn ihr davon zehntausend verkauft, habt ihr einen guten Schnitt gemacht“

So das Fazit Christian Enzensbergers, als er mitten im August 1980 kurzfristig als Gutachter für den Titel eines unbekannten italienischen Autors, „Il nome della rosa“, einspringt, erzählt der ehemalige Hanser-Lektor, und fügt hinzu: „Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass Christian Enzensberger auch aus dem Italienischen übersetzt hat. Wer Pasolinis Accatone in deutscher Fassung sieht, hört Enzensbergers Übertragung.“
Als übersetzerische Leckerbissen serviert uns Burkhart Kroeber zwei der wohl berühmtesten Figuren Lewis Carolls: schaudernd hören wir vom Jabberwocky im Original (vorgetragen von Jim Rawlinson), gefolgt von seinem deutschen Pendant, dem Zipferlak, und treffen gemeinsam mit Alice auf Humpty Dumpty – Goggelmoggel.
Kroeber würdigt Enzensberger als Übersetzer, der es verstanden habe, den individuellen Ton des Originals so ins Deutsche zu übertragen, dass er zwar an manchen Stellen „durchschimmere“, der Text aber doch stets wie ein deutsches Original klinge. Enzensbergers Werk gilt ihm als Paradebeispiel dafür, dass die theoretische Diskussion um Verfremdung und Eingemeindung in der Übersetzerpraxis längst hinfällig sei, ja, dass sich die beiden Konzepte nicht ausschließen, sondern vielmehr ständig mischen und, ganz wie Dur und Moll in der Musik, nach Bedarf ergänzen.

In Zeiten von Bologna und ECTS fast schon undenkbar: einen Kurs bei Enzensberger belegte man einfach so aus Interesse und Leidenschaft, ohne einen Schein zu erhalten.
Im letzten Gespräch des Abends mit Wolfgang Gretscher plaudert die ehemalige Studentin und heutige Vorsitzende des MÜF, Regina Rawlinson, aus dem Nähkästchen: „Wer als Teilnehmer ausgewählt wurde – man musstesich mit einer Probeübersetzung bewerben -, war hochmotiviert und wurde meist zum ‚Wiederholungstäter‘. Man darf sich das so vorstellen: in den Sitzungen wurde jeder, wirklich jeder Übersetzungsvorschlag akribisch und genauestens beleuchtet, diskutiert, es war ein Ringen um jeden Ausdruck und manchmal hagelte es Kritik von allen Seiten. Mimosen waren hier definitiv fehl am Platz, aber wer durchhielt, für den war es eine Schule fürs Übersetzerleben. Nicht selten biss sich der Kurs stundenlang an einigen wenigen Zeilen fest. Oft bestand das Ergebnis am Ende des Semesters nur aus ein bis zwei Seiten, aber die hatten es in sich“

Enzensberger suchte den Austausch auf Augenhöhe mit seinen Studenten – Hüttenwoche inklusive.

„Man hat sich natürlich geduzt“ erinnert sich Rawlinson, „darauf bestand er. Es herrschte ein persönlich-freundschaftliches Verhältnis, das aber nie ins Plump-Vertrauliche abrutschte.“ Es war wohl auch seine unkonventionelle Aufgeschlossenheit für neue Wege, die die Augen der Übersetzerin auch heute noch leuchten lassen, wenn sie von einem einwöchigen Intensivworkshop auf einer Berghütte erzählt, ohne Heizung, ohne fließend Wasser, ohne Strom, Waschen am eiskalten Brunnen inklusive. Und vom Menschen Christian Enzensberger, der wohl ein großes Glück für viele zukünftige Übersetzer war.
So wie auch diese Veranstaltung des MÜF ein Glück für all diejenigen war, die Enzensberger nicht persönlich kennenlernen durften. Denn eines ist den Veranstaltern und Podiumsgästen dieses Abends mit Sicherheit gelungen: eine gute Erinnerung an Christian Enzensberger zu wiederholen.

Stefanie Römer

Alle Fotos: privat