18 Jun

Echt absolut – Literarisches Übersetzen mit Jugendlichen

Abschlussabend der Übersetzerwerkstatt im Literaturhaus am 6. Juni 2019

Bei dieser Veranstaltung hatte das Münchner Übersetzerform ungewöhnliche Gäste. In der Bibliothek des Literaturhauses hatten sich elf (ein Teilnehmer war auf Klassenfahrt) aufgeregte, aber konzentrierte Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren versammelt. Ihr großer Auftritt, der Abschluss der ersten Übersetzerwerkstatt, stand unmittelbar bevor. Im Mai hatten sie an vier Donnerstagnachmittagen mit mir die ersten Kapitel des noch nicht auf Deutsch erschienenen, amerikanischen Jugendromans „What I Leave Behind“ von Alison McGhee übersetzt. Wir waren auf Einladung des MÜF gekommen, um unsere Arbeit vorzustellen und mit den Profis zu diskutieren. Auch viele Eltern und Lehrer waren anwesend.

Dreizehn Workshops  in ganz Deutschland

Im Rahmen einer gemeinsamen Initiative des Literarischen Colloquiums und des Übersetzerfonds und unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes und der Robert Bosch Stiftung werden im Rahmen des Projekts „Echt absolut – Literarisches Übersetzen mit Jugendlichen“ dreizehn Workshops mit unterschiedlichen Ausgangs- und Zielsprachen und Formaten in ganz Deutschland gefördert und begleitet. Im nächsten Jahr sollen die Arbeitsmaterialen auf eine Online-Plattform gestellt werden und für künftige Projekte bereitstehen. Darunter auch meine Übersetzerwerkstatt aus dem Englischen.

Nach einer kurzen Darstellung von Ablauf und Vorgehensweise stellten zwei Teilnehmer*innen die Autorin und den Text vor, soweit wir ihn bearbeitet hatten, und charakterisierten die Figuren. Eine wichtige Voraussetzung, um für sie den richtigen Ton zu finden, wie wir bei unserer Arbeit festgestellt haben. Eine Teilnehmerin hat es sinngemäß formuliert: „So wie ich mir Will vorstelle, sagt der das nicht so.“ Wir alle kennen das aus unserer täglichen Arbeit, wenn im besten Falle die Figuren ein Eigenleben im Kopf entwickeln und zu uns sprechen.

In Gruppen hatten die Schüler*innen vier für den Text charakteristische Übersetzungsprobleme herausgegriffen und erläuterten anhand von Textstellen ihre Übersetzungsentscheidungen. Da der Arbeitsprozess ergebnisoffen war, und ich die Diskussionen während unserer Sitzungen eher moderieren als manipulieren wollte, fielen sie, zum Beispiel bei der Frage „Dad, Papa oder Vater?“, nicht unbedingt so aus, wie die Profis sich vielleicht entschieden hätten. Aber der Übersetzernachwuchs hatte gute Argumente und konnte in dem jeweils sich anschließenden Austausch mit den Profis durchaus seine Frau/seinen Mann stehen. Weitere Probleme waren die Leseranrede und die Übersetzung der Begriffe „walk“ und „(to)night“, die im Text eine tragende Rolle spielen. Auf diese Weise für den Roman sensibilisiert, bekam das Publikum anschließend das Produkt unserer Arbeit, den gemeinsam erstellte deutsche Übersetzung, vorgelesen.

Am Ende das Abends waren sich alle einig, dass solche außerschulischen Projekte nicht nur nützlich sind, sondern auch Spaß machen.

Im zweiten Teil des Abends stand der Beruf des literarischen Übersetzers im Vordergrund. Ich stellte meinen eigenen Werdegang und Arbeitsalltag kurz vor. Im Anschluss konnte jede Schülerin und jeder Schüler eine Frage an die Profis im Publikum stellen. Diese standen uns tapfer Rede und Antwort, sodass auch die zuhörenden Eltern und Lehrer einen differenzierten Einblick in das Berufsbild bekamen. Zum Abschluss gab es unter lebhaftem Applaus noch ein Teilnahmezertifikat und den Roman als Geschenk in der berechtigten Hoffnung, dass die jungen Übersetzer ihn auf Englisch zu Ende lesen.

Leider ist das Übersetzen im Schulalltag mittlerweile dem Primat der Kommunikativen Kompetenz zum Opfer gefallen und kommt praktisch nicht mehr vor (außer in Latein). Dabei könnte literarische Übersetzen, das ja Lesen in der Fremdsprache und Schreiben in der eigenen Sprache bedeutet, gleich doppelt von Nutzen sein. Es kann neben der fremdsprachlichen Kompetenz auch die eigene Ausdrucksfähigkeit fördern und das Sprachgefühl sensibilisieren. Am Ende das Abends waren sich alle einig, dass solche außerschulischen Projekte nicht nur nützlich sind, sondern auch Spaß machen.

Das Publikum war begeistert von dem großen jugendlichen Engagement.

Es war schön, diesem Austausch zwischen den jungen Experten und den professionellen Übersetzer zuzusehen; das Publikum war begeistert von dem großen jugendlichen Engagement. Wir bedanken uns noch einmal dafür, dass den Schüler*innen mit dieser Veranstaltung die Möglichkeit geboten wurde, ihre Arbeit sichtbar zu machen und als Übersetzer ernst genommen zu werden. Bei einem abschließenden, von Katrin Lange freundlicherweise organisierten Umtrunk nutzten sie die Chance, mit den Profis ins Gespräch zu kommen.

Susanne Hornfeck, 2019

 

 

30 Mai

Übersetzer stellen vor: Karl Ristikivi

„Ein Kultroman, den keiner kennt“ – das hätte als Motto dieses Abends dienen können: Die Nacht der Seelen des estnischen Autors Karl Ristikivi, den der Übersetzer Maximilian Murmann gemeinsam mit dem Verleger Sebastian Guggolz vorstellte. Weiterlesen

23 Jan

ÜbersetzerInnen auf die Bühne: Vorlesetraining mit Michael Kranz

Für das Münchner Übersetzer-Forum begann das neue Jahr mit einer ungewöhnlichen Veranstaltung: Praxis statt Theorie, selber lesen statt anderen zuhören. Der Schauspieler Michael Kranz, der neben zahlreichen Auftritten in Film und Fernsehen auch häufig Lesungen im Literaturhaus bestreitet (zuletzt die Vorstellung des 2018 erschienenen Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger), weihte die trotz Schnee recht zahlreich versammelte Übersetzerschaft in die Geheimnisse einer guten Lesung ein – und ließ zu diesem Zweck erst einmal die arrangierten Stuhlreihen zu einem Stuhlkreis umbauen. In einer ersten Vorstellungsrunde wurden Erwartungen und Anliegen gesammelt, und derer gab es viele: Von der Bekämpfung der Nervosität vor dem Auftritt über die Strukturierung des zu lesenden Textes und die Proben im Vorfeld bis hin zur Körpersprache auf der Bühne und zur Gestaltung der Stimme war alles dabei.

Atem als wichtigstes Instrument

Und diese Bereiche – Vorbereitung, Umgang mit dem Lampenfieber sowie das eigentliche Lesen – standen dann auch im Mittelpunkt des lebendigen Abends. Erste Aufgabe an uns: vor den anderen auftreten, den Schritt von der privaten zur Bühnenpräsenz vollziehen, ganz da und ganz bei sich sein und einen Satz sagen. Das Wichtigste beim Auftreten, so lernen wir, ist immer das Authentisch-Sein, die Präsenz im Augenblick. Und dabei ist das wichtigste Instrument natürlich der Atem: Konzentrieren wir uns auf ihn, holt er uns immer wieder in den gegenwärtigen Moment zurück. Die Fokussierung auf den Atem und die gezielte Atmung in den Bauch können auch dabei helfen, die Aufregung in den Griff zu bekommen.

Aufmerksamkeit als geballte Energie

Sehr spannend ist die Erkärung, was bei so einer Auftrittssituation eigentlich genau passiert. Aufmerksamkeit, erklärt uns Michael Kranz, ist Energie, die sich auf uns konzentriert, wenn wir auf der Bühne sitzen. So eine geballte Ladung Energie muss man erst einmal aushalten, es lässt sich aber auch mit ihr arbeiten, man kann sie nutzen. Ihm selbst, erzählt er uns, helfe es immer, sich zu denken, dass es bei einer Lesung ja gar nicht um ihn gehe. Der Text ist das eigentlich Wichtige – man selbst als Lesende/r ist nur das Leitmedium für die Energie.

Erden und Zentrieren – und sich selber zuhören

Nach einer vorbereitenden Übung, die der Erdung und Zentrierung dient (sich aufrecht hinstellen, die Augen schließen, den Boden spüren, in den Bauch atmen, Spannungen im Körper orten und versuchen, sie zu lockern – Letzteres empfiehlt uns Michael Kranz auch für den Alltag: immer wieder einmal schauen, was die neuralgischen Spannungspunkte des eigenen Körpers machen, und versuchen, die Anspannung darin loszulassen), folgen ein paar praktische Tipps für den eigentlichen Auftritt: Das Wichtigste beim Vorlesen, lernen wir, ist es, sich selber zuzuhören, während man liest. Das setzt die Stimme an die richtige Stelle, reguliert die Lautstärke, mit der man liest, und die Lesegeschwindigkeit. Auch beim Üben sollte man sich immer bereits selbst zuhören, so, als erlebte man den Text zum ersten Mal. Und überhaupt das Üben: Gut vorbereitet sein, sagt uns Michael Kranz, sei bei einer Lesung das Wichtigste überhaupt, und so empfiehlt er uns, den Text vorher so oft wie irgend möglich komplett zu lesen – mindestens fünfzehn Mal, gerne häufiger. Je öfter man den Text liest, umso genauer kennt man ihn, umso weniger nervös ist man bei der Lesung, und umso geschmeidiger gerät der Auftritt.

Praktisches Auftrittstraining

Ans Auftreten geht es dann für gut die Hälfte der Anwesenden: Wir wurden alle im Vorfeld gebeten, unsere eigenen Übersetzungen mitzubringen, und aus diesen lesen nun einige Kolleginnen und Kollegen uns allen vor. Immer nur wenige Sätze, und doch erweist sich Michael Kranz auch bei diesen kurzen Textstücken schon als herausragender Coach: Er lobt jede Performance, findet aber auch jeweils sehr konkrete, individuelle Tipps, wie die oder der Lesende sich noch verbessern kann. Und wir Zuhörenden sind baff, wie enorm sich die jeweiligen Leseleistung allein durch den Versuch, diese Tipps zu beherzigen, sofort verbessert. Bei den Lesungen ist auch die Technik ein großes Thema: Der von Michael favorisierte Kutschersitz setzt sich zwar nicht flächendeckend durch, den Tipp, so nah wie möglich am Mikrofon zu lesen, werden aber sicher alle Anwesenden dieses Abends bei künftigen Lesungen zumindest einmal ausprobieren. Es ist erstaunlich, wie viel nuancierter und intimer die Stimme wird und wie viel Qualität der Text dabei gewinnt. Wir sind alle fasziniert, überziehen maßlos, bis sich schließlich ein Literaturhaus-Techniker demonstrativ zu uns setzt, und sind uns alle einig: So ein Vorlesetraining muss es bald wieder geben!

Tanja Handels

05 Jan

Übersetzer persönlich 2018: Drei KollegInnen und viele, viele Bücher

Beim traditionellen Jahresabschluss-Event des MÜF am 13. Dezember 2018 standen zwei Herren und eine Dame im Rampenlicht:

Maximilian Murmann: Finnisch, Estnisch und Ungarisch – und ein bisschen Tango

Als ersten Gast begrüßte Noch-Vorsitzende Regina Rawlinson den Übersetzer Maximilian Murmann, der mit der beeindruckenden Sprachkombination Finnisch, Estnisch und Ungarisch aufwarten kann und eigenen Angaben zufolge auch „ein bisschen Tango tanzt“.
Es war jedoch das „sehr spezielle“ Genre der finnischen elektronischen Musik, das bei ihm bereits im Teenageralter das Interesse an der finnischen Kultur weckte. 2006 nahm er in München sein Studium der Finnougristik, Sprachwissenschaft und Germanistischen Linguistik auf, im Zuge dessen er unter anderem ein Auslandssemester in Budapest sowie ein sechsmonatiges Praktikum bei der finnischen Literaturgesellschaft in Helsinki absolvierte. Dort machte er auch erste Erfahrungen als Übersetzer.
Bislang übersetzte Maximilian vor allem aus dem Estnischen, unter anderem Lyrik, Kurzgeschichten und einen Roman; zudem unterrichtet er am Institut für Finnougristik in München. 2014 brachte er eine Anthologie mit dem Titel „Der Herbst kommt jedes Mal zu früh. Jüngere Literatur aus Finnland, Estland und Ungarn“ heraus und fungierte als Moderator und Dolmetscher bei einer finnisch-deutschen Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literaturhaus trifft Culture Clubbing“.
2017 erhielt er für seine Übersetzung des Romans „Die Nacht der Seelen“ des estnischen Exilautors Karl Ristikivi, die im Frühjahr 2019 bei Guggolz erscheinen wird, das Johann-Joachim-Christoph-Bode-Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds.

Janine Malz: Englisch, Italienisch und Niederländisch – und ehrenamtliches Engagement

Danach wurde Janine Malz auf die Bühne gebeten, zu deren Arbeitssprachen neben dem Italienischen und dem Englischen auch das Niederländische zählt. In einer ostdeutschen Kleinstadt aufgewachsen, verspürte Janine nach dem Abitur den Wunsch, die Welt zu erkunden und verbrachte deshalb einige Zeit auf einem Biobauernhof in Kalabrien. Dort fasste sie zunächst den Entschluss, Kunstgeschichte zu studieren, entschied sich aber für ein Sprachstudium in Germersheim, nachdem sie ein Radiointerview mit Miriam Pressler, der Übersetzerin der Tagebücher von Anne Frank, gehört hatte. Niederländisch lernte sie umständehalber in Triest, wo sie ein Auslandsjahr absolvierte und über die vielen exotischen Sprachen staunte, die dort unterrichtet wurden.
Nach dem Abschluss des Diplomstudiums sammelte sie erste Erfahrungen im Bereich Übersetzen während eines Praktikums bei SDL im englischen Sheffield, auf das eine Festanstellung bei der Zweigstelle in München folgte. Nach drei Jahren bewarb sie sich auf der Suche nach neuen Herausforderungen erfolgreich um ein Lektoratspraktikum bei Random House, nach dem sie noch einmal kurz zu SDL zurückkehrte und in ihrer Freizeit für den Diana Verlag zu Übersetzen begann – ein guter Übergang ins Freiberuflerdasein, wie sie sagt. Seit 2015 ist Janine als freiberufliche Übersetzerin von Unterhaltungsliteratur tätig. Unter den bereits veröffentlichten Werken finden sich sowohl Frauenromane als auch Sachbücher („Die Kunst der Kalligraphie“, „Das Bücherboot“).
Ehrenamtliches Engagement – unter anderem für Delphine – spielt eine wichtige Rolle in Janines Leben; bei den MÜF-Vorstandswahlen im Februar 2019 wird sie als Beisitzerin kandidieren.

Uwe-Michael Gutzschhahn: vielfach preisgekrönter Jugendbuchübersetzer aus dem Englischen

Gast Nummer drei war Uwe-Michael Gutzschhahn, der überwiegend aus dem Englischen (bei Bedarf aber auch mal aus dem Französischen) übersetzt und seit zwei Jahren Mitglied des MÜF ist. Er schrieb bereits als Teenager Theaterstücke und konnte als Lyriker erste Publikationserfolge verzeichnen. Weil er den Wunsch hatte, mit Sprache zu arbeiten, studierte er in Bochum Germanistik und Anglistik, war drei Jahre als Journalist tätig und landete nach einer Stippvisite in der Pressestelle schließlich im Kinderbuchlektorat des Arena Verlags. Im Laufe der darauffolgenden zwanzig Jahre war er als Lektor für diverse Kinder- und Jugendbuchverlage tätig und unter anderem Programmleiter bei Ravensburger und Hanser, ehe er sich 2001 als Übersetzer, Autor und Herausgeber selbständig machte.
Seinem Spezialbereich ist er bis heute treu geblieben. Sein besonderes Interesse gilt der Kinderlyrik und der Nonsensübersetzung, einem breiteren Publikum bekannt wurde er dank seiner Übersetzungen von Romanen aus der Feder des englischen Autors Kevin Brooks, von denen etliche prämiert und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurden.
Insbesondere 2018 regnete es förmlich Auszeichnungen für Uwe-Michael Gutzschhahn. So erhielt er unter anderem den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein übersetzerisches Gesamtwerk und den großen Preis der Volkacher Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, dazu kamen drei Platzierungen auf der Deutschlandfunk-Bestenliste „Die besten 7“, und der Roman Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen von Steven Herrick war Buch des Monats Juni der Volkacher Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Wir gratulieren und wünschen weiterhin viel Erfolg!

Und zum Abschluss: viele, viele Bücher

Im Anschluss an die gleichermaßen erhellenden wie erheiternden Gespräche konnten sich die Anwesenden wie immer am Büchertisch bedienen und bei einem ausführlichen Plausch an Lebkuchen, Brezen und Wein gütlich tun. Prosit Neujahr allen Mitgliedern!

Ursula C. Sturm

01 Dez

Autor trifft Übersetzerin: Ariel Magnus und Silke Kleemann

Unter einer Schachpartie stellt man sich gemeinhin eine bedächtige Veranstaltung vor, bei der die Spieler/innen grübeln, tüfteln und konzentriert die Stirn runzeln, ehe sie schließlich langsam eine Figur bewegen. So gesehen führte der Titel dieses MÜF-Abends in die Irre, ließ sich die Lesung angesichts der Geschwindigkeit, mit der die Bälle zwischen Autor und Übersetzerin hin und her flogen, doch eher mit einem Ping-Pong-Spiel vergleichen.

Entstehungsgeschichte eines Romans

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Aber der Reihe nach: Der argentinische Schriftsteller Ariel Magnus – der auch selbst Übersetzer ist, unter anderem aus dem Deutschen – stellte seinen neuesten Roman Die Schachspieler von Buenos Aires vor und erzählte dazu erst einmal dessen Entstehungsgeschichte: Sein Großvater Heinz (den der Enkel nicht mehr kennengelernt hat) war vor den Nazis nach Argentinien geflohen und hatte sein Leben in deutschsprachigen Tagebüchern festgehalten. Diese in der einen oder anderen Form zu veröffentlichen, machte Ariel Magnus sich zur Aufgabe, doch die akribisch transkribierten und übersetzten Aufzeichnungen stießen bei keinem argentinischen Verlag auf Interesse. Und so entstand die Idee, sie zu fiktionalisieren, allerdings unter Einbeziehung zahlreicher anderer Quellen wie zeitgenössischer Tageszeitungen, Essays und Romane, insbesondere solcher über Schach.
In der Folge entstand der hier vorgestellte Roman, dessen Handlung vorwiegend während der achten Schacholympiade im August/September 1939 in Buenos Aires spielt. Dort traten zwar einige bedeutende Mannschaften nicht an, doch waren mit Alexander Aljechin und José Raúl Capablanca auch Größen des Spiels vertreten; bei Ariel Magnus tritt auch Mirko Czentovich an, die fiktive Hauptfigur von Stefan Zweigs Schachnovelle. Während des Turniers brach der Zweite Weltkrieg aus, was zu einigen Verwerfungen des Wettbewerbs führte. Er wurde dennoch, wenn auch mit einigen Einschränkungen, zu Ende geführt (es war der einzige deutsche Sieg bei einer Schacholympiade). Nach dem Ende des Turniers kehrten etliche Teilnehmer, insbesondere solche jüdischer Herkunft, nicht in ihre Heimatländer zurück.

Spiel mit Erfindung und Wirklichkeit

Zeitgleich mit der Olympiade der Männer fand auch die siebte Schachweltmeisterschaft der Frauen statt. Bei der wollte die ursprünglich deutsche Spielerin Sonja Graf – die in Argentinien als Staatenlose antrat – der amtierenden Weltmeisterin Vera Menchik, einer aus Russland gebürtigen Britin, den Titel abnehmen (was ihr nicht gelang). In eben diese Sonja Graf verliebt sich der Großvater des Autors, allerdings nicht in der Realität, sondern

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in der Fiktion. Nicht minder fiktiv sind die Gespräche, die der Autor mit seinem Großvater führt, auch wenn vieles auf tatsächliche Quellen zurückgeht. Dieses Spiel mit Erfindung und Wirklichkeit agiert auf verschiedenen Ebenen, beides verwebt sich derart gekonnt, dass eine Zuordnung schier unmöglich wird.
Dieses Problem stellte sich auch der Übersetzerin, die ihrem Autor in erstaunlich vielen Fällen nicht ohne weiteres glauben mochte, dass das, was im Roman stand, nicht etwa seiner Phantasie geschuldet, sondern ein echtes Zitat war. So war es etwa bei der Meldung einer argentinischen Tageszeitung, ausgewanderte Juden dürften gerne nach Deutschland zurückkehren, sofern sie bereit seien, in den Krieg zu ziehen.

Apokryphe Fußnoten und eine Liebeserklärung an die Übersetzerin

Über derlei strittige Punkte tauschten sich Autor und Übersetzerin in zahllosen Mails aus – allein die Frage, ob eine Frau in der Bildunterschrift einer Tageszeitung als „hässlich“

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bezeichnet werden darf, führte zu einem Schlagabtausch, in den schließlich auch die Lektorin einbezogen wurde. Zu guter Letzt fanden diese Überlegungen, zu pointierten und geistreichen Fußnoten verdichtet, zum Teil Eingang in den Roman – vor allem auch in die argentinische Fassung, wie Ariel Magnus erklärt. In der veröffentlichten deutschen Fassung wurden diese Fußnoten vielfach wieder gestrichen, doch Autor und Übersetzerin setzten sie an diesem Abend – gestisch ausdrucksstark unterstrichen – in Szene, das Hin und Her der Gedanken und Scherze führte die Intensität der Zusammenarbeit nachdrücklich vor Augen. Das führte dem zahlreich vertretenen Publikum nicht nur vor Augen, wie viel Arbeit in einer Übersetzung steckt, sondern auch, wie viel Spaß sie machen kann.
Und schließlich geriet der Abend auch zu einer Liebeserklärung an Silke Kleemann in ihrer Eigenschaft als Übersetzerin: Ohne sie als „Lektorin“, so der Autor, wäre das Buch niemals das geworden, was es ist.

Ursula Wulfekamp

16 Nov

Text und Bild – Übersetzen von Graphic Novels: Ein Abend mit Marion Herbert und Michael Groenewald

Das Comicübersetzen hat eine aufregende Reise hinter sich: In den Achtzigerjahren suchte der Carlsen Verlag noch händeringend Übersetzer*innen und rekrutierte kurzerhand pensionierte Französischlehrerinnen aus der Verlagsheimat Reinbek. Und als man schließlich einen professionellen Übersetzer jenseits der Elbe beauftragte, wurde das Lektorat stutzig, als der Inhalt der Sprechblasen so gar nicht mit dem Ausgangstext übereinstimmte. Die Antwort des Übersetzers lautete schlicht: „Für das mickrige Gehalt lern ich doch nicht auch noch Französisch!“ Diese Anekdote, die Michael Groenewald im Rahmen der MÜF-Veranstaltung „Text und Bild – Übersetzen von Graphic Novels“ zum Besten gab, ist ein Paradebeispiel dafür, wie stiefmütterlich Comicübersetzen lange Zeit behandelt wurde.
Dass dem heute glücklicherweise nicht mehr so ist, zeigt auch der Einblick in die Arbeit der Literaturübersetzerin Marion Herbert, die den Abend gemeinsam mit Groenewald gestaltete. Die Absolventin des Studiengangs Literaturübersetzen an der Universität Düsseldorf, wo sie mittlerweile selbst gelegentlich unterrichtet, kam 2011 zum Comicübersetzen, als sie als Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms mit dem Reprodukt-Verlag in Kontakt kam. Dort lernte sie auch Michael Groenewald kennen, seit zwanzig Jahren in der Comicszene unterwegs, lange Zeit bei Carlsen und Reprodukt tätig und heute freier Lektor.

Von Superman bis Sailor Moon

Zunächst gab Groenewald einen Überblick über die bewegte Geschichte des Comics, die wohl Ende des 19. Jahrhunderts im den USA ihren Anfang nahm, als New Yorker Tageszeitungen eine universelle Erzählform finden mussten, die in der vielstimmigen Einwanderernation von allen verstanden werden konnte. Von da an nahm der Siegeszug seinen Lauf – angefangen mit den Superheldencomics der Dreißigerjahre über die Underground Comix à la Robert Crumb der Sechzigerjahre bis hin zu einem regelrechten Comicboom in den Achtzigerjahren. Danach wurde es still um die sequentielle Text-Bild-Kunst, bis der japanische Manga vor etwa zwanzig Jahren dem Comicmarkt neues Leben einhauchte.
Heute sind Graphic Novels – ein Begriff, der in Abgrenzung zu Comics entstand, um längere, in sich abgeschlossene, persönlich gefärbte Geschichten zu bezeichnen – ein Lieblingsthema der Feuilletons. Sie haben der Comicwelt eine neue Dimension hinzugefügt, die mit ernsteren Themen jenseits von Humor oder Heldentum und einer ganz eigenen Bildsprache überzeugt, was zunehmend auch das Interesse deutscher Zeichner weckte. Dennoch bilden Übersetzungen das Gros des deutschen Comicmarkts; die meisten Comics stammen aus Frankreich oder Belgien, gefolgt von den USA und Japan.

Sprechblasengerechtes Übersetzen

Einen spannenden Einblick in die Arbeit einer Graphic-Novel-Übersetzerin gewährte Marion Herbert, die aus dem Französischen und Englischen übersetzt. Dabei stellen sich eine Vielzahl besonderer Herausforderungen: Dass Comics oft ausschließlich Großbuchstaben verwenden, macht es zum Beispiel schwierig, zwischen den Pronomen „Sie“ und „sie“ zu unterscheiden. Doch die vielleicht größte Aufgabe besteht darin, den deutschen Text so zu kürzen, dass er in die jeweilige Sprechblase passt, deren Größe nicht verändert werden kann. Das Gesamtbild muss stimmig sein, das Grafische immer mitgedacht werden: Schon ein unschöner Umbruch ist Grund genug, die Übersetzung noch mal umzuwerfen. Die meisten Übersetzer*innen beurteilen die Textlänge nach Augenmaß, andere tippen dazu den Ausgangstext ab. „Durch das Kürzen ist man gezwungen, in andere Richtungen zu denken“, so Marion Herbert. „Ein bisschen wie bei einer Film-Untertitelung.“

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit

Sie präsentierte einige Beispiele aus ihrer Werkstatt und lud die rund zwanzig interessierten Teilnehmer*innen ein, sich an Übersetzungen zu versuchen. Plötzlich erwiesen sich scheinbar einfache Sätze als tückisch: Eine Aussage wie „So I ran away“ geriete, wörtlich übersetzt, im Deutschen viel zu lang, weshalb sich Marion Herbert nach einigem Knobeln für die knappe und gelungene Lösung „Ich musste weg“ entschied.
Entsprechend länger braucht sie auch für die Übersetzung von Comics im Gegensatz zu Belletristik; für eine 330 Seiten lange Graphic Novel mit Fließtextelementen benötigte sie etwa 100 Stunden. Und wie so oft in der Literaturszene gilt auch hier: Leidenschaft ist ein Muss, denn reich wird man davon nicht.
Zuletzt gibt Michael Groenewald noch Einblick in die faszinierende Kunst des „Lettering“, wie man im Fachjargon das Einfügen des Textes in die Sprechblasen bezeichnet. Früher wurde dazu ein Transparentpapier auf die Sprechblase aufgelegt, um den deutschen Text in der Handschrift des Autors nachzuahmen. Reprodukt zählt zu den wenigen Verlagen, die diese Form des Hand-Letterings noch praktizieren; in 95 Prozent der Fälle wird inzwischen direkt am PC gearbeitet. Das sei schade, so Groenewald, da Hand-Lettering oft präzisere und lebendigere Resultate hervorbringe.

Digital ist (nicht immer) besser

Doch die Digitalisierung im Comicbereich hat auch Vorteile. Dass Soundwords wie „WHAAM“ früher oft aus dem Englischen übernommen wurden, hatte den profanen produktionstechnischen Grund, dass diese Wörter Teil des Bildes und damit unabänderlich waren. Heute dürfen an dieser Stelle die Übersetzer*innen kreativ werden.
Da ist es zu begrüßen, dass sich Comicübersetzen über die letzten Jahrzehnte zunehmend professionalisiert hat. War dieser Bereich früher von Autodidakten geprägt, hat inzwischen ein wahrzunehmender Wandel stattgefunden: „Auch dieser Abend ist ein Zeichen dafür, dass Comicübersetzung heute viel mehr Wertschätzung entgegengebracht wird“, bringt Michael Groenewald es auf den Punkt.

Janine Malz und Sophia Lindsey

18 Sep

Blick über den übersetzerischen Tellerrand: Katalanisch mit Michael Ebmeyer

In der losen MÜF-Reihe „Literatur ohne Grenzen – Sprachen der Welt“ ging es dieses Mal um das Katalanische, ebenso informativ wie unterhaltsam vorgestellt von dem Autor, Übersetzer und Katalonien-Kenner Michael Ebmeyer.

Ausgangspunkt war der Konflikt zwischen Katalonien und Spanien, der seit einiger Zeit wieder mit großer Heftigkeit tobt – der Grad variierte immer wieder einmal im Lauf der Jahrhunderte, die die Auseinandersetzung bereits währt. Einen Höhepunkt erreichte sie im Jahr 1714, als Aragon – sozusagen der Vorläufer Kataloniens – Kastilien einverleibt wurde und damit seine Eigenständigkeit verlor. Seitdem schwelt der Gedanke an Unabhängigkeit in der Provinz mal stärker, mal schwächer, abhängig auch vom Grad der Unterdrückung, die Madrid jeweils ausübte.

Blütezeit des Katalanischen und Konflikte um die Zweisprachigkeit

Die Blütezeit der katalanischen Sprache war 1714 allerdings bereits vorbei. Sie hatte im Hoch- und Spätmittelalter bestanden, nicht nur, weil Aragon zu der Zeit seine größte Ausdehnung hatte und u.a. auch Sardinien, Süditalien und Sizilien zu seinem Herrschaftsbereich gehörten, sondern weil das Katalanische als Sprache der Troubadoure, als Kultur- und Literatursprache der Iberischen Halbinsel galt. Glanz verlieh ihr in der Zeit insbesondere der Philosoph und Schriftsteller Ramón Llull (1235-1315), der wiederum als Vorbild für den Ritterroman Tirant Lo Blanc von Joanot Martorell diente, der wichtigsten Referenz für Cervantes‘ Don Quijote. Zudem war das Katalanische – das eine enge Verwandtschaft mit dem Okzitanischen aufweist – auch die Handels- und Rechtssprache, war Aragon doch ein wichtiger Umschlagplatz am Übergang zu Frankreich.

Das erklärt, weshalb die Sprache im Zentrum des katalanischen Selbstbewusstseins steht und weshalb alle Versuche, sie zu verbieten und Kastilisch als einzig legitime spanische Sprache durchzusetzen – wie es nach 1714 der Fall war und erneut während der Franco-Diktatur –, letztlich scheiterten. Heute sprechen rund elf Millionen Menschen Katalanisch, nicht nur in Katalonien, sondern auch auf den Balearen, in Andorra, in einer Ecke Südfrankreichs („Nordkatalonien“) und tatsächlich auch in der Gemeinde Alghero auf Sardinien.

Literarischer Reichtum und Förderung – und persönliche Empfehlungen

Für die Zahl der Katalanisch-Sprecher erscheinen jährlich verblüffend viele Bücher auf Katalanisch – gut 11.000 waren es 2015. Oder vielleicht doch nicht so verblüffend, schließlich fördert das Institut Ramon Llull großzügig viele katalanische Kulturprojekte, nicht zuletzt Übersetzungen katalanischer Literatur: So wurden 2017 sage und schreibe 72 Prozent aller beantragten Gelder zur Übersetzungsförderung genehmigt.

Eine wunderbare Hörprobe des weich im Ohr klingenden Katalanischen bekamen wir auch geboten – Michael Ebmeyer las einen Abschnitt aus Jordi Puntís Roman Maletes perdudes (2010) vor, und dann, zum besseren Verständnis, aus seiner deutschen Übersetzung Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz (2013). Wobei Puntí, ganz wie im realen Leben, kastilische Sätze und Abschnitte unter seine grundsätzlich katalanische Erzählung streut. Wie das zu übersetzen ist, inwieweit Zweisprachigkeit überhaupt geboten ist in einer zweisprachigen Region, oder auch wünschenswert – da konnte sich eine muntere Diskussion entfalten.

Zuvor jedoch legte Michael Ebmayer uns allen noch einige aus dem Katalanischen übersetzte Bücher ans Herz, die insbesondere die lyrische Qualität der Sprache vor Augen führen (die sich natürlich auch in den empfohlenen Übersetzungen spiegelt): Auf der Plaça del Diamant von Marcè Rodoreda (dt. von Hans Weiss), Flüchtiger Glanz von Joan Sales (dt. von Kirsten Brandt), aber auch auf Maríe Barbal verwies er, auf Miquel Martí i Pol und und und – wie es eben geht, wenn jemand ein Herzensthema mit Leidenschaft vorträgt. Danke dafür!

Ursula Wulfekamp