01 Dez

Autor trifft Übersetzerin: Ariel Magnus und Silke Kleemann

Unter einer Schachpartie stellt man sich gemeinhin eine bedächtige Veranstaltung vor, bei der die Spieler/innen grübeln, tüfteln und konzentriert die Stirn runzeln, ehe sie schließlich langsam eine Figur bewegen. So gesehen führte der Titel dieses MÜF-Abends in die Irre, ließ sich die Lesung angesichts der Geschwindigkeit, mit der die Bälle zwischen Autor und Übersetzerin hin und her flogen, doch eher mit einem Ping-Pong-Spiel vergleichen.

Entstehungsgeschichte eines Romans

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Aber der Reihe nach: Der argentinische Schriftsteller Ariel Magnus – der auch selbst Übersetzer ist, unter anderem aus dem Deutschen – stellte seinen neuesten Roman Die Schachspieler von Buenos Aires vor und erzählte dazu erst einmal dessen Entstehungsgeschichte: Sein Großvater Heinz (den der Enkel nicht mehr kennengelernt hat) war vor den Nazis nach Argentinien geflohen und hatte sein Leben in deutschsprachigen Tagebüchern festgehalten. Diese in der einen oder anderen Form zu veröffentlichen, machte Ariel Magnus sich zur Aufgabe, doch die akribisch transkribierten und übersetzten Aufzeichnungen stießen bei keinem argentinischen Verlag auf Interesse. Und so entstand die Idee, sie zu fiktionalisieren, allerdings unter Einbeziehung zahlreicher anderer Quellen wie zeitgenössischer Tageszeitungen, Essays und Romane, insbesondere solcher über Schach.
In der Folge entstand der hier vorgestellte Roman, dessen Handlung vorwiegend während der achten Schacholympiade im August/September 1939 in Buenos Aires spielt. Dort traten zwar einige bedeutende Mannschaften nicht an, doch waren mit Alexander Aljechin und José Raúl Capablanca auch Größen des Spiels vertreten; bei Ariel Magnus tritt auch Mirko Czentovich an, die fiktive Hauptfigur von Stefan Zweigs Schachnovelle. Während des Turniers brach der Zweite Weltkrieg aus, was zu einigen Verwerfungen des Wettbewerbs führte. Er wurde dennoch, wenn auch mit einigen Einschränkungen, zu Ende geführt (es war der einzige deutsche Sieg bei einer Schacholympiade). Nach dem Ende des Turniers kehrten etliche Teilnehmer, insbesondere solche jüdischer Herkunft, nicht in ihre Heimatländer zurück.

Spiel mit Erfindung und Wirklichkeit

Zeitgleich mit der Olympiade der Männer fand auch die siebte Schachweltmeisterschaft der Frauen statt. Bei der wollte die ursprünglich deutsche Spielerin Sonja Graf – die in Argentinien als Staatenlose antrat – der amtierenden Weltmeisterin Vera Menchik, einer aus Russland gebürtigen Britin, den Titel abnehmen (was ihr nicht gelang). In eben diese Sonja Graf verliebt sich der Großvater des Autors, allerdings nicht in der Realität, sondern

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in der Fiktion. Nicht minder fiktiv sind die Gespräche, die der Autor mit seinem Großvater führt, auch wenn vieles auf tatsächliche Quellen zurückgeht. Dieses Spiel mit Erfindung und Wirklichkeit agiert auf verschiedenen Ebenen, beides verwebt sich derart gekonnt, dass eine Zuordnung schier unmöglich wird.
Dieses Problem stellte sich auch der Übersetzerin, die ihrem Autor in erstaunlich vielen Fällen nicht ohne weiteres glauben mochte, dass das, was im Roman stand, nicht etwa seiner Phantasie geschuldet, sondern ein echtes Zitat war. So war es etwa bei der Meldung einer argentinischen Tageszeitung, ausgewanderte Juden dürften gerne nach Deutschland zurückkehren, sofern sie bereit seien, in den Krieg zu ziehen.

Apokryphe Fußnoten und eine Liebeserklärung an die Übersetzerin

Über derlei strittige Punkte tauschten sich Autor und Übersetzerin in zahllosen Mails aus – allein die Frage, ob eine Frau in der Bildunterschrift einer Tageszeitung als „hässlich“

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bezeichnet werden darf, führte zu einem Schlagabtausch, in den schließlich auch die Lektorin einbezogen wurde. Zu guter Letzt fanden diese Überlegungen, zu pointierten und geistreichen Fußnoten verdichtet, zum Teil Eingang in den Roman – vor allem auch in die argentinische Fassung, wie Ariel Magnus erklärt. In der veröffentlichten deutschen Fassung wurden diese Fußnoten vielfach wieder gestrichen, doch Autor und Übersetzerin setzten sie an diesem Abend – gestisch ausdrucksstark unterstrichen – in Szene, das Hin und Her der Gedanken und Scherze führte die Intensität der Zusammenarbeit nachdrücklich vor Augen. Das führte dem zahlreich vertretenen Publikum nicht nur vor Augen, wie viel Arbeit in einer Übersetzung steckt, sondern auch, wie viel Spaß sie machen kann.
Und schließlich geriet der Abend auch zu einer Liebeserklärung an Silke Kleemann in ihrer Eigenschaft als Übersetzerin: Ohne sie als „Lektorin“, so der Autor, wäre das Buch niemals das geworden, was es ist.

Ursula Wulfekamp

16 Nov

Text und Bild – Übersetzen von Graphic Novels: Ein Abend mit Marion Herbert und Michael Groenewald

Das Comicübersetzen hat eine aufregende Reise hinter sich: In den Achtzigerjahren suchte der Carlsen Verlag noch händeringend Übersetzer*innen und rekrutierte kurzerhand pensionierte Französischlehrerinnen aus der Verlagsheimat Reinbek. Und als man schließlich einen professionellen Übersetzer jenseits der Elbe beauftragte, wurde das Lektorat stutzig, als der Inhalt der Sprechblasen so gar nicht mit dem Ausgangstext übereinstimmte. Die Antwort des Übersetzers lautete schlicht: „Für das mickrige Gehalt lern ich doch nicht auch noch Französisch!“ Diese Anekdote, die Michael Groenewald im Rahmen der MÜF-Veranstaltung „Text und Bild – Übersetzen von Graphic Novels“ zum Besten gab, ist ein Paradebeispiel dafür, wie stiefmütterlich Comicübersetzen lange Zeit behandelt wurde.
Dass dem heute glücklicherweise nicht mehr so ist, zeigt auch der Einblick in die Arbeit der Literaturübersetzerin Marion Herbert, die den Abend gemeinsam mit Groenewald gestaltete. Die Absolventin des Studiengangs Literaturübersetzen an der Universität Düsseldorf, wo sie mittlerweile selbst gelegentlich unterrichtet, kam 2011 zum Comicübersetzen, als sie als Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms mit dem Reprodukt-Verlag in Kontakt kam. Dort lernte sie auch Michael Groenewald kennen, seit zwanzig Jahren in der Comicszene unterwegs, lange Zeit bei Carlsen und Reprodukt tätig und heute freier Lektor.

Von Superman bis Sailor Moon

Zunächst gab Groenewald einen Überblick über die bewegte Geschichte des Comics, die wohl Ende des 19. Jahrhunderts im den USA ihren Anfang nahm, als New Yorker Tageszeitungen eine universelle Erzählform finden mussten, die in der vielstimmigen Einwanderernation von allen verstanden werden konnte. Von da an nahm der Siegeszug seinen Lauf – angefangen mit den Superheldencomics der Dreißigerjahre über die Underground Comix à la Robert Crumb der Sechzigerjahre bis hin zu einem regelrechten Comicboom in den Achtzigerjahren. Danach wurde es still um die sequentielle Text-Bild-Kunst, bis der japanische Manga vor etwa zwanzig Jahren dem Comicmarkt neues Leben einhauchte.
Heute sind Graphic Novels – ein Begriff, der in Abgrenzung zu Comics entstand, um längere, in sich abgeschlossene, persönlich gefärbte Geschichten zu bezeichnen – ein Lieblingsthema der Feuilletons. Sie haben der Comicwelt eine neue Dimension hinzugefügt, die mit ernsteren Themen jenseits von Humor oder Heldentum und einer ganz eigenen Bildsprache überzeugt, was zunehmend auch das Interesse deutscher Zeichner weckte. Dennoch bilden Übersetzungen das Gros des deutschen Comicmarkts; die meisten Comics stammen aus Frankreich oder Belgien, gefolgt von den USA und Japan.

Sprechblasengerechtes Übersetzen

Einen spannenden Einblick in die Arbeit einer Graphic-Novel-Übersetzerin gewährte Marion Herbert, die aus dem Französischen und Englischen übersetzt. Dabei stellen sich eine Vielzahl besonderer Herausforderungen: Dass Comics oft ausschließlich Großbuchstaben verwenden, macht es zum Beispiel schwierig, zwischen den Pronomen „Sie“ und „sie“ zu unterscheiden. Doch die vielleicht größte Aufgabe besteht darin, den deutschen Text so zu kürzen, dass er in die jeweilige Sprechblase passt, deren Größe nicht verändert werden kann. Das Gesamtbild muss stimmig sein, das Grafische immer mitgedacht werden: Schon ein unschöner Umbruch ist Grund genug, die Übersetzung noch mal umzuwerfen. Die meisten Übersetzer*innen beurteilen die Textlänge nach Augenmaß, andere tippen dazu den Ausgangstext ab. „Durch das Kürzen ist man gezwungen, in andere Richtungen zu denken“, so Marion Herbert. „Ein bisschen wie bei einer Film-Untertitelung.“

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit

Sie präsentierte einige Beispiele aus ihrer Werkstatt und lud die rund zwanzig interessierten Teilnehmer*innen ein, sich an Übersetzungen zu versuchen. Plötzlich erwiesen sich scheinbar einfache Sätze als tückisch: Eine Aussage wie „So I ran away“ geriete, wörtlich übersetzt, im Deutschen viel zu lang, weshalb sich Marion Herbert nach einigem Knobeln für die knappe und gelungene Lösung „Ich musste weg“ entschied.
Entsprechend länger braucht sie auch für die Übersetzung von Comics im Gegensatz zu Belletristik; für eine 330 Seiten lange Graphic Novel mit Fließtextelementen benötigte sie etwa 100 Stunden. Und wie so oft in der Literaturszene gilt auch hier: Leidenschaft ist ein Muss, denn reich wird man davon nicht.
Zuletzt gibt Michael Groenewald noch Einblick in die faszinierende Kunst des „Lettering“, wie man im Fachjargon das Einfügen des Textes in die Sprechblasen bezeichnet. Früher wurde dazu ein Transparentpapier auf die Sprechblase aufgelegt, um den deutschen Text in der Handschrift des Autors nachzuahmen. Reprodukt zählt zu den wenigen Verlagen, die diese Form des Hand-Letterings noch praktizieren; in 95 Prozent der Fälle wird inzwischen direkt am PC gearbeitet. Das sei schade, so Groenewald, da Hand-Lettering oft präzisere und lebendigere Resultate hervorbringe.

Digital ist (nicht immer) besser

Doch die Digitalisierung im Comicbereich hat auch Vorteile. Dass Soundwords wie „WHAAM“ früher oft aus dem Englischen übernommen wurden, hatte den profanen produktionstechnischen Grund, dass diese Wörter Teil des Bildes und damit unabänderlich waren. Heute dürfen an dieser Stelle die Übersetzer*innen kreativ werden.
Da ist es zu begrüßen, dass sich Comicübersetzen über die letzten Jahrzehnte zunehmend professionalisiert hat. War dieser Bereich früher von Autodidakten geprägt, hat inzwischen ein wahrzunehmender Wandel stattgefunden: „Auch dieser Abend ist ein Zeichen dafür, dass Comicübersetzung heute viel mehr Wertschätzung entgegengebracht wird“, bringt Michael Groenewald es auf den Punkt.

Janine Malz und Sophia Lindsey

18 Sep

Blick über den übersetzerischen Tellerrand: Katalanisch mit Michael Ebmeyer

In der losen MÜF-Reihe „Literatur ohne Grenzen – Sprachen der Welt“ ging es dieses Mal um das Katalanische, ebenso informativ wie unterhaltsam vorgestellt von dem Autor, Übersetzer und Katalonien-Kenner Michael Ebmeyer.

Ausgangspunkt war der Konflikt zwischen Katalonien und Spanien, der seit einiger Zeit wieder mit großer Heftigkeit tobt – der Grad variierte immer wieder einmal im Lauf der Jahrhunderte, die die Auseinandersetzung bereits währt. Einen Höhepunkt erreichte sie im Jahr 1714, als Aragon – sozusagen der Vorläufer Kataloniens – Kastilien einverleibt wurde und damit seine Eigenständigkeit verlor. Seitdem schwelt der Gedanke an Unabhängigkeit in der Provinz mal stärker, mal schwächer, abhängig auch vom Grad der Unterdrückung, die Madrid jeweils ausübte.

Blütezeit des Katalanischen und Konflikte um die Zweisprachigkeit

Die Blütezeit der katalanischen Sprache war 1714 allerdings bereits vorbei. Sie hatte im Hoch- und Spätmittelalter bestanden, nicht nur, weil Aragon zu der Zeit seine größte Ausdehnung hatte und u.a. auch Sardinien, Süditalien und Sizilien zu seinem Herrschaftsbereich gehörten, sondern weil das Katalanische als Sprache der Troubadoure, als Kultur- und Literatursprache der Iberischen Halbinsel galt. Glanz verlieh ihr in der Zeit insbesondere der Philosoph und Schriftsteller Ramón Llull (1235-1315), der wiederum als Vorbild für den Ritterroman Tirant Lo Blanc von Joanot Martorell diente, der wichtigsten Referenz für Cervantes‘ Don Quijote. Zudem war das Katalanische – das eine enge Verwandtschaft mit dem Okzitanischen aufweist – auch die Handels- und Rechtssprache, war Aragon doch ein wichtiger Umschlagplatz am Übergang zu Frankreich.

Das erklärt, weshalb die Sprache im Zentrum des katalanischen Selbstbewusstseins steht und weshalb alle Versuche, sie zu verbieten und Kastilisch als einzig legitime spanische Sprache durchzusetzen – wie es nach 1714 der Fall war und erneut während der Franco-Diktatur –, letztlich scheiterten. Heute sprechen rund elf Millionen Menschen Katalanisch, nicht nur in Katalonien, sondern auch auf den Balearen, in Andorra, in einer Ecke Südfrankreichs („Nordkatalonien“) und tatsächlich auch in der Gemeinde Alghero auf Sardinien.

Literarischer Reichtum und Förderung – und persönliche Empfehlungen

Für die Zahl der Katalanisch-Sprecher erscheinen jährlich verblüffend viele Bücher auf Katalanisch – gut 11.000 waren es 2015. Oder vielleicht doch nicht so verblüffend, schließlich fördert das Institut Ramon Llull großzügig viele katalanische Kulturprojekte, nicht zuletzt Übersetzungen katalanischer Literatur: So wurden 2017 sage und schreibe 72 Prozent aller beantragten Gelder zur Übersetzungsförderung genehmigt.

Eine wunderbare Hörprobe des weich im Ohr klingenden Katalanischen bekamen wir auch geboten – Michael Ebmeyer las einen Abschnitt aus Jordi Puntís Roman Maletes perdudes (2010) vor, und dann, zum besseren Verständnis, aus seiner deutschen Übersetzung Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz (2013). Wobei Puntí, ganz wie im realen Leben, kastilische Sätze und Abschnitte unter seine grundsätzlich katalanische Erzählung streut. Wie das zu übersetzen ist, inwieweit Zweisprachigkeit überhaupt geboten ist in einer zweisprachigen Region, oder auch wünschenswert – da konnte sich eine muntere Diskussion entfalten.

Zuvor jedoch legte Michael Ebmayer uns allen noch einige aus dem Katalanischen übersetzte Bücher ans Herz, die insbesondere die lyrische Qualität der Sprache vor Augen führen (die sich natürlich auch in den empfohlenen Übersetzungen spiegelt): Auf der Plaça del Diamant von Marcè Rodoreda (dt. von Hans Weiss), Flüchtiger Glanz von Joan Sales (dt. von Kirsten Brandt), aber auch auf Maríe Barbal verwies er, auf Miquel Martí i Pol und und und – wie es eben geht, wenn jemand ein Herzensthema mit Leidenschaft vorträgt. Danke dafür!

Ursula Wulfekamp

21 Jun

Der Ball ist rund – Übersetzerisches zur Fußball-WM

Moderation: Jan Schönherr

Tanja Handels las aus: John Grisham, Der Coach (Heyne 2003).

Silke Kleemann las aus: Leticia Martín, „Zwei Streifen“ in: Anita Djafari / Jürgen Boos (Hg.), Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Autorinnen aus vier Kontinenten (Unionsverlag 2018).

Monika Köpfer las aus: J. L. Carr, Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten (Dumont 2017).

Bernadette Ott las aus: Louis-Philippe Dalembert, Die Götter reisen in der Nacht (litradukt Literatureditionen 2016).

Uschi Sturm las aus: Allison Morgan, Die fabelhaften Wünsche der Lanie Howard (Piper Taschenbuch 2016).

Ursula Wulfekamp las aus: Michael Fried, Warum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor (Schirmer/Mosel 2014).

 

Das Team: Hinten v.l.n.r. Jan Schönherr, Uschi Sturm, Ursula Wulfekamp, Tanja Handels; vorne v.l.n.r. Monika Köpfer, Silke Kleemann, Bernadette Ott

 

Stimmen zum Spiel

Regel Nr. 1

Es war eine Fußball-WM-Eröffnung der anderen Art: der literarischen, und damit bei weitem eindrücklicher als die gestrige in Moskau …

Zum Abschluss eine weitere der „Kossuth’schen Regeln“ aus dem von mir vorgestellten Buch „Wie die Sinderby Wanderers den Pokal holten“ von J.L. Carr:

Regel Nr. 1

Man kann den Ball ohne Weiteres spielen, ohne auf seine Füße zu schauen. Frauen müssen beim Stricken auch nicht auf ihre Hände gucken.

(Monika Köpfer)

 

Übersetzerinnen-Power

Ein ausgesprochen abwechslungsreicher und in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Fußballabend der ganz anderen Art! Bemerkenswert war insbesondere die Tatsache, dass die Beiträge allesamt von ÜbersetzerINNEN stammten. Das breite Textsortenspektrum sorgte für beste Unterhaltung, von klamaukig über erhellend bis dramatisch war alles vertreten – sehr fesselnd beispielsweise die Erzählung „Zwei Streifen“ von Leticia Martín in der wunderbaren Übersetzung von Silke Kleemann.

(Uschi Sturm)

 

Best of the Ball

Das Ei ist kein Rund, trifft aber trotzdem ins Schwarze. Best of the ball mit dem Münchner Übersetzerforum, das waren (unter souveräner Spielleitung des weltgewandten Moderators Jan Schönherr): legendäre Blicke auf die Legende Zinedine Zidane (lies: FußballKUNST!) mit Ursula Wulfekamp, freudsche (?) Fehl(?)schläge auf Arm statt Ball trotz Kreolisch mit Bernadette Ott, Fremdschämen und Lachjubel mit Uschi Sturm und ihrer großartig vorgetragenen Romanheldin Lanie, ein Coach, wie er im Buche steht, mit Tanja Handels und John Grisham sowie britisches Understatement bei der Bekriegung gegnerischer Fans mit Monika Köpfer und J.L.Carr! Weltmeister wird Argentinien!

(Silke Kleemann)

 

Freundschaftsspiel mit toller Teamleistung

Eigentlich ja ‘nur’ ein Freundschaftsspiel, und trotzdem haben alle astrein abgeliefert. Kein Wunder, möchte man meinen, bei einer so hochkarätig besetzten Mannschaft, aber der letzte Schlüssel zum Erfolg war eben, dass individuelle technische Stärken und unterschiedliche Spielweisen jenseits aller Starallüren in einer hervorragenden Teamleistung umgesetzt wurden. Man darf sich also ruhig schon jetzt auf zukünftige Partien der MÜF-All-Stars freuen.

(Jan Schönherr)

 

Fußballer im Film

Ein 90-minütiger Film – A twentyfirst century portrait – ein Fußballspiel (Real Madrid vs. Villareal am 23. April 2005) – ein Fußballer (Zinédine Zidane) – zwei Künstler (Douglas Gordon und Philippe Parreno) – das alles in der Betrachtung des Kunsthistorikers Michael Fried, der sich mit der Versunkenheit des Spielers, seiner Konzentration und seiner Wahrnehmung des Publikums beschäftigt. Langweilig? Spannend!

(Ursula Wulfekamp)

 

Gelungene Eröffnungspartie

Wie schön war das: eine Partie mit zwei grundverschiedenen Sorten von Bällen – dem runden und dem eiförmigen –, die einander aufs Schönste ergänzten, sechs Spielerinnen, die vom Trainer? – Schiedsrichter? Cheerleader? Ja, was ist so ein Moderator in der Fußball-Football-Metaphorik? – die besten Vorlagen bekamen, um auf dem Spielfeld zu glänzen, ein Publikum, das mit seiner Aufmerksamkeit und Freude die Mannschaft trug und beflügelte, und nicht zuletzt großartige, spannende, vielfältige Texte, wie man sie auf dem Rasen sonst auch eher selten antrifft. Kurzum: eine gelungene Eröffnungspartie im Münchner Literaturhaus!

(Tanja Handels)

 

Und zum Schluss: ein Tor?

Hatte es denn ein Tor gegeben?, fragte ich mich, als ich am nächsten Morgen mit meiner Kaffeetasse so dasaß und über die gelesenen Texte nachsann; bis mir dann einfiel, ja, mindestens ein Tor, nämlich das schmähliche, lächerliche, das die Mannschaft meines Ich-Erzählers-als-Kind auf dem haitianischen Flughafenasphalt hatte einstecken müssen. Und in den anderen Texten? Spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich nicht ergebnisorientiert zugehört, sondern auf alles gelauscht hatte, was an dem Abend Nebensache der schönsten Nebensache der Welt gewesen war. Sozusagen das literarische Spiel als Zugabe zum Fußballspiel, von dem Experten immer wieder mal erzählen, dass die Bewegung mit dem Fuß am Ball in der Natur überhaupt nicht vorkomme und gar nicht vorgesehen sei. Wodurch aufs Schönste belegt ist, dachte ich mir da, welch große Nähe Literatur und Fußball aufweisen, in dieser die Ordnung der Natur transzendierenden Zweckfreiheit und der Freude daran. Ein paar Tage später beobachtete ich zwei Tauben, wie sie im Zweikampf einem ballähnlichen, runden Objekt des Begehrens hinterher tippelten und trippelten. Es fehlte das Tor, deshalb konnte keine von beiden gewinnen.

(Bernadette Ott)

09 Jun

Autor trifft Übersetzer: Hernán Ronsino und Luis Ruby

Ein Glücksfall, dass der argentinische Autor Hernán Ronsino 2018 als fünfzehnter Writer in Residence in Zürich zu Gast ist. So war der Weg ins Münchner Literaturhaus für ein vertraulich-vertrautes Wiedersehen des Pampa-Autors mit seinem deutschen Übersetzer Luis Ruby unter der Moderation von Silke Kleemann nicht weit. Hernán Ronsino wurde 1975 in Chivilcoy, einer Kleinstadt in der argentinischen Pampa geboren und studierte später Soziologie in Buenos Aires. Heute unterrichtet er an der Universidad de Buenos Aires und an der Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales.

Angeregtes Frage-und-Antwort-Spiel

Anlass für das angeregte Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Autor, Moderatorin und Übersetzer war die jüngste Veröffentlichung von In Auflösung, dem dritten Band von Ronsinos Romanzyklus über die argentinische Pampa. Im Original stand genau dieser Band am Anfang der Trilogie, aber das beeinträchtigt den Lesegenuss der beiden anderen Romane Letzer Zug nach Buenos Aires und Lumbre nicht. Ronsinos ebenso sinnliche wie präzise Schilderungen eines Asados (Grillfest) oder eines Erbes, das aus einer alten Kuh besteht, und des Lebens in der Provinz generell, gesehen oft aus einer Perspektive der Entwurzelung, die sich zwangsläufig viel mit dem Thema Erinnerung und inneren Bildern und Landschaften auseinandersetzt. Ronsino erschafft mit den von ihm verwendeten Mitteln – komplexe Erzählstruktur, starke Mündlichkeit, poetische Sprache – nicht nur ein ambitioniertes, am nouveau roman geschultes Stück Literatur, sondern auch das Abbild einer von Männern und Gewalt dominierten Gesellschaft, deren Dynamik und politische Dimension den Soziologen ebenfalls interessiert.

Vertrauensverhältnis zwischen Autor und Übersetzer

Dem Gespräch von Hernán Ronsino und Luis Ruby war ihre enge Vertrautheit anzumerken, Voraussetzung für eine ideale Zusammenarbeit, bei der der Übersetzer dem Autor viele Fragen stellte, die stets ausführlich beantwortet wurden und wesentlich zum besseren Textverständnis beitrugen.

Auch das Publikum hatte zahlreiche Fragen an Autor und Übersetzer und sparte nicht mit Lob: Eine Dame erzählte, sie habe Ronsinos Bücher bisher in ihrer ausgezeichneten Übersetzung gelesen, jetzt, da sie den sympathischen Autor kennengelernt habe, würde sie alle Titel nochmals im Original lesen.

Alles in allem ein sehr anregender und gelungener Abend.

Carola Fischer

14 Feb

„Let’s Play Ball!“ – Cricket und Baseball für Übersetzer*innen

Mehr Sport im neuen Jahr – das steht ganz weit oben auf der Liste der guten Vorsätze zum Jahreswechsel. Das MÜF hat diesen Vorsatz gleich zum Jahresauftakt in die Tat umgesetzt. Bei unserer Januar-Veranstaltung führten Regina Rawlinson und Jan Schönherr uns in die Geheimnisse zweier britischer respektive amerikanischer Sportarten ein, die in ihrem jeweiligen Land geradezu mythische Qualität haben: Cricket und Baseball.

Cricket – der Sport der Götter

Wer aus dem Englischen übersetzt, kennt sie nur zu gut: die Cricket-Vergleiche in britischen Romanen, die Baseball-Metaphern in amerikanischen. Zumindest in groben Zügen sollten Englischübersetzer*innen die Spielregeln und Begrifflichkeiten also schon beherrschen, denn irgendwann begegnen sie einem garantiert. Warum das so ist, wird schnell klar, als Regina Rawlinson, die mit Cricket den Anfang macht, Harold Pinter mit dem Satz zitiert: „I tend to think that Cricket is the greatest thing that God created on earth.“ Und J. M. Barrie, der Schöpfer von Peter Pan, bezeichnet Cricket gar als „the only game the Gods play themselves“. Diese große Verehrung für ihren Nationalsport haben die Briten an ihre einstigen Kolonien weitergegeben: Bis heute gehören Indien, Bangladesch, die West Indies, Australien etc. neben England zu den besten Mannschaften der Welt und damit zu den einzigen, die sogenannte „test matches“ miteinander austragen dürfen, die Länderspiele der Besten („normale“ Länderspiele zwischen weniger hochplatzierten Cricket-Nationen – Deutschland beispielsweise ist auf Platz 42 der Weltrangliste – heißen „One Day Internationals“ bzw. „ODIs“).

Von Batsmen, Wickets und Bowlern

Die Regeln sind dann doch nicht ganz so einfach, wie das britische Geschirrtuch, das Regina uns als amüsantes Anschauungsmaterial mitgebracht hat, suggerieren mag, aber auch nicht ganz so geheimnisvoll, wie es uns Laien anfangs vorkommt. Gespielt wird die nach Fußball zweitbeliebteste Sportart der Welt mit zwei Mannschaften à elf Spielern oder Spielerinnen auf Rasen und mit einem Ball. Hier enden die Parallelen zum deutschen Nationalsport aber auch schon. Auf dem ovalen Spielfeld sind in der Mitte zwei Wickets aufgebaut, die gern als „Tore“ übersetzt werden, was aber nicht ganz den Kern trifft, denn es geht nicht darum, den Ball hineinzuwerfen, sondern gleich das ganze Wicket umzuschmeißen, zu „zerstören“, wie das im Cricket-Jargon heißt. Ein Spiel besteht in der Regel aus zwei oder vier Innings (grob: „Spieldurchgängen“). Die beiden Mannschaften fungieren pro Innings (ja, beim Cricket heißt das auch im Singular so) im Wechsel als Schlag- oder als Feldmannschaft. Die Feldmannschaft stellt den Bowler, der das gegnerische Wicket zerstören soll, die Schlagmannschaft stellt den Batsman, der den Ball wegzuschlagen und dabei Punkte (Runs) zu erzielen versucht. Ein Run ist erzielt, wenn beide Batsmen (Striker und Non-Striker, die einander gegenüber stehen) mit einem Körperteil wieder in ihrer sicheren Zone sind, bevor der Ball gefangen wird, wobei interessanterweise auch der (festgehaltene) Schläger als Körperteil zählt. Unterläuft dem Striker ein Fehler – wird also das Wicket vom Bowler zerstört („bowled out“) oder erreicht er die sichere Zone nicht rechtzeitig („run out“), aber auch, wenn beispielsweise der Ball das Wicket getroffen hätte, wenn der Striker nicht mit seinen Beinschonern im Weg gewesen wäre (LBW: „leg before wicket“) –, scheidet er aus, und ein weiterer Spieler der Schlagmannschaft nimmt seinen Platz ein. Hat die Schlagmannschaft neun ihrer Spieler „verbraucht“, beziehungsweise sind neun Wickets zerstört worden ist das Innings zu Ende. Die Mannschaft, die in einem Spiel insgesamt die meisten Punkte erzielt hat, gewinnt.

Pausen als essentieller Spiel-Bestandteil

Interessant – und very British – ist auch die Pausenpolitik beim Cricket: Ein Innings kann sich durchaus über etliche Stunden hinziehen, und so sind bei den Spielen je eine 40-minütige Mittags- und eine 15-minütige Teepause eingeplant (sowie fünfminütige Erfrischungspausen nach Bedarf). Zeitliche Begrenzungen kennt der Sport nicht: Manche Länderspiele können bis zu fünf Tagen dauern.

 

Baseball – „America’s National Pastime“

Nachdem wir das mitgebrachte Anschauungsmaterial bewundert haben – ein Schlagholz (so heißt der Schläger beim Cricket), ein Wicket sowie einen Ball –, übernimmt Jan Schönherr und stellt uns „America’s National Pastime“ vor: Baseball. Dem Gründungsmythos zufolge wurde der Sport von einem späteren Bürgerkriegshelden im idyllischen Cooperstown erfunden, was aber gar nicht stimmt: Die Regeln wurden erstmals 1845 in New York City formuliert. Allerdings bezeugt dieser Mythos das Element der Nostalgie, das dem Baseball quasi von Anfang an innewohnt und auch für dieses Spiel erklärt, warum es in der amerikanischen Belletristik ein so omnipräsenter Bezugspunkt und eine so reiche Metaphernquelle ist.

Mannschaftssport …

Jan erklärt uns zunächst die Besonderheiten des Spiels, das durchaus einige Ähnlichkeit mit dem britischen Cricket aufweist: Es ist ein Hybrid aus Mannschaftsspiel (zwei Mannschaften à neun Spieler) und Zweikampf zwischen Pitcher und Hitter. Ähnlich wie beim Cricket spielt auch hier die Zeit keine Rolle. Und: Baseball wird (bisher) tatsächlich nur von Männern gespielt – die Variante für Frauen heißt Softball.
Das Spielfeld besteht aus dem sogenannten Fairground, der sich wiederum aus Outfield und Infield zusammensetzt. In der Mitte des Infield befindet sich der Diamond mit den vier Bases, in der Mitte des Diamond wiederum der Pitcher’s Mound, ein kleiner Hügel, auf dem der Pitcher steht. Von den beiden Mannschaften ist die verteidigende Mannschaft vollzählig auf dem Feld, während von der angreifenden immer nur ein Hitter und bis zu drei Runners im Spiel sind. Gespielt werden in aller Regel neun Innings (hier heißt der Singular im Gegensatz zum Cricket übrigens „Inning“), allerdings muss dann ein Sieger feststehen, andernfalls geht es weiter. Auch beim Baseball versucht die angreifende Mannschaft Punkte in Form von Runs zu erzielen; ein Run ist erreicht, wenn ein Runner die Bases einmal umrundet und seine Homeplate wieder sicher erreicht hat. Im Gegenzug versucht die verteidigende Mannschaft, den Ball an sich zu bringen. Anders als beim Cricket läuft der Hitter beim Baseball nicht mit Schläger von Base zu Base. Den lässt er vorher fallen: Er wird also quasi vom Hitter zum Runner. Ist ein Runner losgelaufen, kommt ein neuer Hitter aufs Feld; auf jeder Base darf aber immer nur ein Runner stehen. Als „Homerun“ bezeichnet man einen Run, bei dem der Hitter/Runner alle vier Bases umrundet hat, bevor die verteidigende Mannschaft die Ballkontrolle erlangt. Die verteidigende Mannschaft ihrerseits will drei Outs erzielen, um dann selbst angreifen zu dürfen. Ein Out tritt beispielsweise ein, wenn der Hitter drei Mal danebenschlägt (was gar nicht so unwahrscheinlich ist: Mit einem Baseballschläger ist der doch recht kleine Ball deutlich schwieriger zu treffen als mit einem Cricket-Schlagholz) oder der geschlagene Ball aus der Luft gefangen wird. Es gibt aber auch noch ein paar Spezialtricks, mit denen sich Outs erzielen lassen, beispielsweise, wenn ein Runner zwischen zwei Bases mit dem Ball berührt wird, ein gegnerischer Baseman den Ball also im Handschuh versteckt, den alle Spieler der verteidigenden Mannschaft tragen, und den Runner mit diesem Handschuh touchiert, oder eine der Bases, die der Runner ansteuert, „verbrannt“ wird (dazu tritt der dieser Base zugeordnete Baseman, wiederum mit dem Ball im Handschuh, kurz darauf).

… und Zweikampf

Das „Herz“ des Spiels ist und bleibt laut Jan aber der Zweikampf zwischen Pitcher und Hitter, der aus Sicht des Pitchers durch die sogenannte „Strike Zone“ eine große Relevanz bekommt. Ein Pitcher muss sehr gezielt und genau werfen (zu den verschiedenen Wurftechniken zählen Fastballs, Curves etc.), denn landet sein Ball außerhalb der Strike Zone, die sich grob zwischen Schulter und Knie des Hitters befindet, ist das ein „Ball“; wirft der Pitcher vier Balls in Folge, darf der Hitter gleich weiter auf die erste Base (was dann als „Walk“ bezeichnet wird). Schlägt der Hitter wiederum drei „Strikes“, also drei Mal daneben, muss er ausscheiden.

Auch Jan, der selbst Baseball spielt, hat Anschauungsmaterial in Gestalt von Ball, Schläger und Handschuh mitgebracht. Vor allem Letzterer ist noch einmal ein schönes Beispiel für die dem Baseball eingeschriebene Nostalgie: Er ist nämlich ganz bewusst auf „alt“ gemacht.

Tanja Handels

04 Jan

„Übersetzer persönlich“: 4 Frauen und 2 ziemlich exotische Sprachen

Schöne Dezember-Tradition

Alle Jahre wieder werden im Rahmen der letzten MÜF-Veranstaltung des Jahres drei Mitglieder als Überraschungsgäste vorgestellt.

Moderatorin Regina Rawlinson begrüßte am 14. 12. 2017 die in der Bibliothek des Literaturhauses so zahlreich wie noch nie erschienenen Gäste (erstmals mit einem Mikrophon) und sorgte mit ihren ein- und überleitenden Worten wie gewohnt für ein heiter-entspanntes Gesprächsklima.

Von Essen über Lausanne mitten hinein in die Münchner Literaturszene: Sabine Herting

Gast No. 1 war die in Essen geborene Sabine Herting – Unterstützung aus dem Ruhrgebiet für Regina also – die berichtete, sie habe schon in der Kindheit stets viel gelesen und den Traum gehegt, später „irgendwas mit Büchern“ zu machen. Dem Abi an der Klosterschule folgte zunächst ein vierjähriger Aufenthalt in Lausanne, wo sie französische Sprache und Literatur studierte. Nach der Rückkehr aus der Schweiz ging es nach Bonn, wo sie dann Romanistik, Hispanistik und Germanistik studierte.

Mit dem Magister in der Tasche zog sie in die „Großstadt“ München, wo sie äußerst umtriebig und vielseitig beschäftigt war: So arbeitete sie unter anderem für die Villa Waldberta in Feldafing, engagierte sich im Kuratorium des Lyrikkabinetts und gab Französischnachhilfe. Nicht zuletzt dank ihrer Tätigkeit für die Literaturzeitschriften „Sirene“ und „Neue Sirene“ konnte sie wertvolle Kontakte zu Verlagen, Autoren und anderen Angehörigen des Literaturbetriebs knüpfen, was in ihren Augen das A und O ist, um im Bereich der literarischen Übersetzung den Fuß in die Tür zu bekommen. Am liebsten übersetze sie eigentlich nach wie vor aus dem Französischen, berichtete Sabine außerdem, wobei sie mittlerweile fast nur noch Angebote für Übersetzungen aus dem Englischen erhalte. Zum Abschluss erzählte sie von der denkwürdigen Begegnung mit Salman Rushdie, dessen Roman Golden House sie zuletzt ins Deutsche übersetzt hat.

Mitglied Nr. 150 und der Einzug des Chinesischen ins MÜF: Julia Buddeberg

Der zweite Gast, den Regina zu sich bat, war Julia Buddeberg, das 150. Mitglied des MÜF. Julia übersetzt als bisher einziges MÜF-Mitglied aus dem Chinesischen, was zwar sehr interessant, aufgrund der wenigen sprachlichen Überschneidungen aber auch eine sehr große Herausforderung ist, wie sie sagte.

Nach ihrem beruflichen Werdegang befragt, gab Julia an, das Interesse an asiatischer Kunst und Kultur sei durch ihren Vater geweckt worden. Sie hat zunächst in München Archäologie und Kunstgeschichte studiert, jedoch bald festgestellt, dass ihr das zu theoretisch war. Also begann sie „ohne Vorwissen über Land und Sprache“ ein Sinologiestudium – mit chinesischer Kunstgeschichte und Archäologie im Nebenfach. Die Entscheidung für Chinesisch war eher pragmatischer Natur, so Julia: „Zum einen war die Sprache damals gerade im Kommen, zum anderen wollte ich mich damit von der Masse abheben.“ Um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen, studierte sie auch zwei Semester in Peking und absolvierte später am SDI München, wo sie mittlerweile selbst als Dozentin tätig ist, zusätzlich eine Übersetzerausbildung (mit Englisch als Zweitsprache, die bei ihr zurzeit jedoch aus Zeitgründen nicht zum Einsatz kommt). Regina zeigte sich zutiefst beeindruckt von ihrer Bibliographie, hat Julia doch bereits Hunderte von – kurzen – Übersetzungen angefertigt. Es handelt sich dabei überwiegend um Feuilletonbeiträge und Zeitungsberichte aus China und Deutschland für das Goethe-Institut, wobei das Themenspektrum von Architektur und Stadtentwicklung über Film, Geschichte, Gesellschaft, Medien und Recht bis hin zu Sport und Umwelt reicht. Julias Lieblingsgebiet ist und bleibt jedoch die Kunst, obwohl gerade diese Texte oft sehr abstrakt und schwammig gehalten und deshalb schwer zu übersetzen seien, wie sie sagte, erst recht, wenn die Abbildung des entsprechenden Kunstwerks fehle …

Übersetzerin aus dem Englischen und Gutachterin fürs Georgische: Barbara Lehnerer

Auch Gast No. 3 war und ist ausgesprochen vielseitig interessiert und engagiert: Barbara Lehnerer unterrichtete nicht nur während ihres Studiums der Germanistik und Anglistik, sondern auch später im Rahmen diverser längerer Auslandsaufenthalte (u. a. in London und New York) an diversen Sprachschulen und arbeitete in Deutschland fünf Jahre als Lehrerin, ehe sie sich beruflich umorientierte. „Dabei kam mir der Zufall zu Hilfe“, erzählte sie. Während des Erziehungsjahres nach der Geburt der ersten Tochter erhielt sie ihre ersten Übersetzungsaufträge, darunter nebst einer Rohfassung für eine Synchronübersetzung („noch mithilfe eines Videorekorders!“) diverse Aufträge für das Reise- und Kulturressort der Vogue. Damit war ihr Interesse geweckt und der Grundstein für die übersetzerische Karriere gelegt.

Wie zahlreiche weitere MÜF-Mitglieder hat auch Barbara Lehnerer den Aufbaustudiengang Literarisches Übersetzen aus dem Englischen an der LMU absolviert und dort „viel gelernt“. Der Berufseinstieg gestaltete sich schwierig – als verwitwete alleinerziehende Mutter von zwei Kindern fiel es ihr schwer, die nötigen Kontakte zu knüpfen, zumal auch die Nachlassverwaltung ihres kurz zuvor verstorbenen Mannes Zeit und Energie kostete. Ihr erstes Projekt war dann eine Kooperation mit ihrem Kommilitonen Walter Ahlers. Barbara übersetzte zunächst Belletristik für Erwachsene, avancierte aber, nachdem sie selbst zwei Jugendbücher geschrieben hatte, zusehends zur Kinder- und Jugendbuchübersetzerin. Daneben betätigt sie sich heute unter anderem als Moderatorin bei Jugendbuchfestivals wie etwa dem White Ravens Festival, als Dolmetscherin bei Lesungen und als Leiterin von Workshops. Eine Reise nach Tiflis sowie der Besuch eines kleinen georgischen Standes auf der Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna führten dazu, dass sie zudem Gutachten für Übersetzungen vom Georgischen ins Deutsche erstellt – eine Aufgabe, für die sie „erst einmal recherchieren musste, wie das Georgische funktioniert, um eine Vorstellung von den Fehlerquellen zu bekommen“. Mit einem kurzen Einblick in den georgischen Literaturbetrieb, der noch in den Kinderschuhen steckt, schloss Barbara ihre Ausführungen.

Umtrunk und Büchertisch

Nach der Präsentation dieser drei hochinteressanten Biographien ließen wir den Abend bei Wein, Lebkuchen und Laugengebäck gemütlich ausklingen, bedienten uns weisungsgemäß am gut bestückten Büchertisch und traten schließlich heiter gestimmt und mit dem einen oder anderen Weihnachtsgeschenk ausgestattet den Heimweg an.

 

Ursula C. Sturm

28 Nov

Herbstlese 2017: Eine reiche Ernte

Herbstzeit ist Lesezeit – in zweifacher Bedeutung: Die Ernte wird eingefahren, und man hat Zeit zu lesen. Oder sich vorlesen zu lassen. Während also draußen noch die letzten bunten Blätter von den Bäumen flatterten, blätterten im Literaturhaus vier Übersetzerinnen in ihren neuesten Werken, erzählten im Gespräch mit der Moderatorin Ursula Wulfekamp von den Freuden und Herausforderungen der Texte und lasen uns Erlesenes vor.

Intelligente Essays der „furchterregend gebildeten“ Margaret Atwood

Christiane Buchner begann mit dem Essayband Aus Neugier und Leidenschaft (erschienen im Oktober 2017 im Berlin Verlag) der kanadischen Autorin Margaret Atwood, die in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat. „Das Buch ist so sympathisch, wie es aussieht!“, erklärt Christiane gleich zu Anfang und stellt ein großes pinkfarbenes Hardcover mit einer Eule darauf auf den Tisch. Die Eule ist natürlich nicht zufällig ausgewählt, denn die Essays, so Christiane, seien ein „intellektuelles Vergnügen“, jeder für sich interessant und tiefgründig. Dass die Autorin geradezu „furchterregend gebildet“ ist, stellte aber auch eine Herausforderung an die drei Übersetzerinnen des Buches dar, die entsprechend viel recherchieren mussten. Gottseidank sind sie (nicht nur über das MÜF) gut vernetzt.

In den zwei Ausschnitten, die Christiane vorliest, wird dann recht bald deutlich, dass die Texte nicht nur ein intelligentes Spiel mit kulturwissenschaftlichem Wissen, sondern auch witzig geschrieben sind. Dass das Übersetzen Spaß gemacht hat, ist deutlich zu merken, und auch das Zuhören ist ein Vergnügen. In der ersten Passage aus der Rede „Wie Utopia entstand“ (1989) fragen wir uns, was Platons Staat und die Johannesoffenbarung verbindet und warum Utopien nur bei Gesellschaften mit einem monotheistischen Weltbild und linearer Zeitauffassung entstehen. Im zweiten Text, einer Passage aus dem Essay „Männer gestalten: Romanfigur Mann“ reagiert Margaret Atwood auf den Vorwurf, dass Männer in ihren Werken schlecht wegkämen, und folgert nach einem ironischen Blick in die Literaturgeschichte – zu so „sympathischen“, von Männern geschriebenen Figuren wie Hamlet, Macbeth und Faust –, dass eine gut geschriebene Figur keine moralisch gute sein muss. Dennoch fragen wir uns: Sind Autorinnen gnädiger mit männlichen Figuren als Männer? Dürfen nur Männer gemein zu Männern sein?

Spanischer Roman: Yoro von Marina Perezagua

Dann lassen wir die Männer hinter uns und wenden uns in den folgenden drei Übersetzungen den Frauen zu. Als zweite an diesem Abend liest Silke Kleemann aus Hiroshima der spanischen Autorin Marina Perezagua (erscheint im März 2018 bei Klett Cotta), einem der allerschwierigsten Bücher, die sie je übersetzt habe – nicht nur wegen der schwierigen Sprache und der langen, komplizierten Sätze, sondern auch wegen des besonderen, poetischen Blicks auf die Welt und des durchaus bedrückenden Themas des Atombombenabwurfs. Da stellt sich die Frage, wie tief man als Übersetzerin in einen Text auch emotional eintauchen muss, wie sehr man sich berühren lassen muss, um ihn angemessen und nachvollziehbar zu übersetzen. Detaillierte technische Beschreibungen der Atombombe, die zwar einiges an Recherche erfordern, können da schon fast ein Schutz und eine willkommene Ablenkung sein, erklärt Silke. In der ausgewählten Textstelle kommt dann aber vor allem die poetische Dimension des Romans rüber. In den Gedanken der Protagonistin, einer Überlebenden von Hiroshima, überlagern sich bei einem Spaziergang Bilder um die Themen Schwangerschaft, Tod, Suche und Verdauung.

Jessica Brockmole und die Frauen in der Filmbranche

Mit dem dritten Buch führt uns Uta Rupprecht in ein traurig aktuelles Thema ein: Woman enters left von Jessica Brockmole (erscheint im Frühjahr 2018 bei Diana) ist ein Roman, der vom „nicht immer ganz korrekten Umgang mit Frauen in der Filmbranche“ handelt, was in der erzählten Zeit, dem zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, aber als völlig normal hingenommen wird. Aus verschiedenen Perspektiven und mithilfe verschiedener Textsorten – darunter auch ein Haushaltsbuch – wird von der Emanzipation zweier Frauen erzählt.

Swingen mit Zadie Smith

Und dann gibt es da ja noch Autorinnen, zu denen man einfach irgendwie einen persönlichen Bezug hat. So ist es bei Tanja Handels und Zadie Smith. Diese war schon lange eine ihrer Lieblingsautorinnen, erzählt Tanja, als ihr der Verlag vor ein paar Jahren unerwartet einen Essayband anbot. Mit Swing Time (erschienen im August 2017 bei Kiepenheuer & Witsch) durfte sie nun bereits den zweiten Roman von ihr übersetzen. In einem wunderbar ironischen Ton erzählt die ausgewählten Textstellen von einem Mädchen mit schwarzer Mutter und weißem Vater, das versucht, jenseits von Müttern mit „Geschmack“, Fragen der ethnischen Zugehörigkeit und einem altklugen, aber hoffnungslos konservativen Uni-Freund einfach nur ein „Mensch weiblichen Geschlechts“ zu sein. Die Übersetzung ist mindestens so spritzig wie das Original, und der Funke springt sogleich über. Man könnte noch ewig weiter zuhören. Gottseidank kann man sich diesen Roman gleich besorgen und weiterlesen, während man auf den Frühling wartet, um dann auch die anderen beiden lesen zu können.

Elisabeth Heeke

25 Sep

Wo der Hund begraben lag – Perfekt oder Präteritum?

Wie man weiß, sind wir Übersetzerinnen und Übersetzer bei allen die deutsche Sprache betreffenden Fragen – und zugegebenermaßen bei den meisten anderen Belangen auch – selten um eine Antwort verlegen. Und erst recht, wenn es um ein vermeintlich so banales Thema geht, wie jenes, das sich das MÜF im September als Fortbildungsfokus auserkoren hat: Perfekt oder Präteritum – das ist die Frage.

Besprechendes oder erzählendes Tempus?

So starteten wir gemeinsam mit der Vortragenden Gloria Buschor anhand einer aus Weinrichs Textgrammatik der deutschen Sprache entlehnten, völlig klaren Unterscheidung zwischen „besprechendem“ und „erzählendem“ Tempus-Register sowie diversen anderen Merkmalen der beiden Vergangenheitsformen erstmal zuversichtlich in die Diskussion.

Weinrich allein löst die Frage nicht

Bereits beim ersten Textbeispiel wurde jedoch klar: Mit Weinrich können wir zwar unseren Horizont gehörig erweitern, die Entscheidung nimmt er uns aber auch nicht ab. Zu viele Faktoren fließen in die Wahl des Tempus mit ein: Kontext (natürlich!), Dialekt, Soziolekt und Alter des Sprechers, literarische Tradition oder aktuelle Strömungen der Sprachentwicklung (denn laut Sprachwissenschaft haben wir es im Deutschen mit einem regelrechten „Präteritumschwund“ zu tun). So beschäftigten wir uns geraume Zeit damit, ob es nun Wir begruben den Hund in Nachbars Garten oder Wir haben den Hund in Nachbars Garten begraben heißen muss, und welche Bedeutungsnuancen jede der beiden Tempus-Formen mit sich bringt. Anschließend stand zur Diskussion, ob und in welchem Ausmaß beide Formen gemischt vorkommen können, welcher Effekt damit erzielt wird und wie lange man eine Erzählung im Perfekt durchhalten kann. Kann man dem Leser ein ganzes Buch im Perfekt überhaupt zumuten?

Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit – und alles dazwischen

Einigkeit herrschte darüber, dass „grundsätzlich kein Tempus einer Sprache dem Tempus einer anderen Sprache gleichgesetzt werden kann“, auch weil sich die Erzähltraditionen verschiedener Sprachen sich in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzenten unterschiedlich entwickelt haben.

Im Laufe des Abends verschwamm die Trennlinie zwischen „Schriftlichkeit“ und „Mündlichkeit“ immer mehr und machte Begriffen wie Bauch- und Sprachgefühl Platz, bis schließlich klar war, wo der Hund begraben liegt: Tempusentscheidungen sind eben alles andere als banal!

So ging die Prophezeiung der Referentin, der Abend werde wohl mehr Verwirrung stiften, als Fragen beantworten, idealerweise aber dabei helfen, Bauchentscheidungen zu rechtfertigen, in vollem Umfang in Erfüllung.

Claudia Amor