18 Jan

MÜF im Januar: Auf der Suche nach der literarischen Stimme

Die erste MÜF-Veranstaltung des Jahres 2022 hatte es gleich so richtig in sich. Die Teilnehmerzahlen waren hoch, auch wenn wir alle nach wie vor ein bisschen wehmütig im digitalen Winterquartier saßen. Diesem Format war es allerdings auch zu verdanken, dass wir unseren Berliner Kollegen Frank Heibert mit einem Vortrag begrüßen durften. Dieser war vollgepackt mit Informationen, Denkanstößen, methodischen Ansätzen und Anregungen.

Die richtige Stimme des Originals erkennen und übersetzen 

Die Frage, die sich allen Übersetzern ja zwangsläufig immer stellt, ist keine geringere als die, wie wir die richtige Stimme des Originals nicht nur erkennen, sondern widerspruchsfrei und überzeugend in unsere Sprache übersetzen. Wie wir einen Übertrag vom individuellen Blick des Autors zu unserem eigenen schaffen. Gerade in der Literatur geht es ja nicht nur darum, was für eine Geschichte erzählt wird; wie der Autor sie erzählt ist mindestens ebenso wichtig (manche würden behaupten: sogar wichtiger!). Weshalb in jeder Übersetzung immer eine Wirkungsäquivalenz angestrebt und nicht einfach in die Zielsprache „abgeschrieben“ wird. So weit, so gut.

Das Zusammenspiel von Inhalt, Ton, Stil und Haltung darf  nicht verloren gehen

Um diese Wirkungsäquivalenz zu erreichen ist es nun, so Frank Heibert, immer hilfreich, die Stimme eines Textes zu finden, die uns in unserer individuellen Interpretation – einmal dessen, was der Autor im Original geschrieben hat und einmal dessen, wie es dann im Deutschen ausgedrückt werden soll – unterstützt. Wenn wir aufmerksam bleiben und ganz genau hinhorchen. Auf den Ton eines Protagonisten, einer Erzählerstimme, eines Absatzes, oder auch eines ganzen Textes. Wir fragen uns: Welchen Sinn hat das? Welche Stilmittel wirken hier auf den Leser? Wie reagiert dieser? Und dann natürlich: Wie lässt sich dieses Erleben in der Zielsprache nachbilden? Wie können die sprachlichen Elemente, die zu einer bestimmten Wirkung führen, möglichst effektiv in einer anderen Sprache nachgebildet werden? Denn das Zusammenspiel von Inhalt, Ton, Stil und Haltung darf ja nicht verloren gehen.

Alles eine Frage der Haltung

Durch die Beantwortung dieser Fragen, die es immer wieder an einen Text zu stellen gilt, lässt sich die Haltung, die Stimme eines Textes herausfühlen und letzten Endes auch in der Übersetzung bewahren.

Nur gut, dass es gleich die Gelegenheit gab, das Gehörte an verschiedenen Beispieltexten zu erproben und anhand von Wortwahl und Satzgestaltung über die dahinterstehende Haltung nachzudenken. Nicht wenige dürften nach diesem interessanten Vortrag, wie es Tanja Handels so schön formuliert hat, „ein bisschen anders auf ihre aktuellen Projekte blicken“.

Auf jeden Fall wurden uns reichlich Denkanstöße für das Lesen und Interpretieren serviert, so dass wir unsere Intuition und unser Sprachgefühl zielsicher unterfüttern und auf feste Füße stellen können.


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Dominique Lorenz
17 Dez

Weihnachts-MÜF: Freude allerorten

Mit Strahlenkranz und Wichtelunterstützung

Seltsam schnell ist es vergangen, dieses schräge Jahr. Kaum hatten wir zweimal geblinzelt, war es auch schon wieder Zeit für eine unserer liebsten Traditionen: den alljährlichen Weihnachts-MÜF!

Regina Rawlinson

An einem Donnerstag im Dezember fanden wir uns also etwas wehmütig – da nun doch wieder digital –, aber dennoch gespannt und sehr zahlreich ein, um in gewohnt lockerer, unterhaltsamer Art ein paar der Unsrigen ein wenig genauer unter die Lup… pardon, in die Mitte zu nehmen. Die obligatorische anfängliche Nervosität unserer ehemaligen „großen Vorsitzenden“ Regina Rawlinson legte sich schnell (Strahlenkranz und geballte Wichtelunterstützung mögen ihren Anteil daran gehabt haben), und auch als einfaches „kleines Mitglied“ fragte sie unsere Ehrengäste bald nach Herzenslust aus.

Sprach- und Trampilot in Zürich

Den Anfang machte Richard Barth, unser nach Zürich ausgewandertes Mitglied, das uns mit einem herzlichen „Gueten Abig mitenand!“ begrüßte. Und schnell wurde klar, dass Corona manchmal (aber nur manchmal) vielleicht auch sein Gutes hat. Die deutsch-deutschen Verständigungsschwierigkeiten im Nachbarland sorgten für amüsiertes Schmunzeln, für die heimlichen Sprachwissenschaftler und Sozialanthropologen unter uns war der eine oder andere Leckerbissen dabei: der tägliche Kampf gegen den Sprachswitch-Reflex der Schweizer; Helvetismen, die sich heimlich in die eigene Übersetzung einschleichen; der Prof, der vielleicht mehr Berndeutsch schwätzt als der Bauarbeiter aus Graubünden, aber – ganz im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant – keinen sozialen Unterschied im Sprachgebrauch zeigt. Könnte man sich vielleicht mal eine Scheibe abschneiden hierzulande.

Richard Barth

Richards Werdegang hat so einige Schleifen und Umwege genommen: vom Gymnasiallehrer mit „zu kurzer Lunte“ wieder zurück auf die Schulbank, ins Praktikum, als Stadtführer auf den Straßen Münchens unterwegs, im Kollektiv für ein Übersetzungsbüro tätig und dadurch den ersten kleinen Zeh in die Drehtür der Verlage geschoben – so kann’s gehn. Von da an besserte sich nicht nur die Bezahlung, gleichzeitig trat auch die Familie mehr in den Vordergrund. Heute scheint Richard ein gesundes Gleichgewicht zwischen Beruf, Berufung und Familie gefunden zu haben. Der Stadt hat er dennoch nicht ganz den Rücken kehren können – zwar führt er keine neugierigen Touristen mehr herum, bringt dafür jedoch müde Angestellte mit der Tram sicher nach Hause. Er geht dahin, wo er gebraucht wird.

Im Zickzack an die  Küste: Über Kyoto nach Rotterdam

Aus den Bergen an die Küste ging es mit unserem nächsten Ehrengast. Auch Matthias Müller ist ein Jack of all Trades, der uns über eine Gemeinschaftsübersetzung vor Jahren mal „zugelaufen“ ist – trotz unserer „regelrecht rührenden“ Abschreckungsversuche. Für ihn ist Sprache der rote Faden in seinem „recht zickzackigen Leben“ (die kindliche Begeisterung für Karl May scheint hier immer mal wieder ins Kraut geschossen zu sein). Mit Englisch als zweiter Muttersprache lag das Japanologie-Studium in Kyoto natürlich nahe … als sich herausstellte, dass es zum Dolmetscher dann doch nicht ganz reicht, folgte Matthias seinem Impuls aus Kindertagen und wandte sich dem Übersetzen zu, zunächst für kleine Verlage in Berlin, daneben aber auch als Untertitler. Die kreativen Variationen von „JR, was hast du wieder gemacht!“ gingen ihm irgendwann ein wenig aus, und so machte er sich kurzerhand auf der Buchmesse auf die Jagd nach Kontakten im Belletristikbereich – und fand „die Lektorin, die Übersetzer liebt“.

Matthias Müller

Einige Jahre konnte diese Arbeit ihn fesseln, doch abwandernde Autoren und immer magerere Bezahlung führten ihn schließlich zunehmend in den Wissenschaftssektor, zu so unterschiedlichen Themenbereichen wie internationaler Finanzgeografie und der Geschichte des Tango. Das kam seiner zweiten großen Leidenschaft, der Musik, sehr entgegen, der er privat wie beruflich nachgeht. Neues auszuprobieren ist und bleibt Matthias‘ Steckenpferd. So hat er sich kürzlich einen langgehegten Traum erfüllt und die Ausbildung zum Gerichtsdolmetscher durchlaufen, engagiert sich daneben ehrenamtlich für ein Tierrettungszentrum, lernt Arabisch und Koreanisch (kann man je genug Fremdsprachen beherrschen?) und widmet sich der Kalligrafie. Der Kontakt zur Übersetzercommunity war zwischenzeitlich etwas ausgefasert, doch wir sind sicher, dass wir Matthias auch aus der Ferne wieder mehr in unsere Mitte holen können!

Sprach- und Kulturbotschafterin in Rom

Mit diesem schönen Gedanken im Kopf flogen wir flugs einmal quer über den Kontinent gen Süden, um Maja Pflug, die Dritte im Bunde unserer Sendboten im Ausland, zu begrüßen. Sie ist ein echtes MÜF-Urgestein – und uns bis heute treu geblieben. Bereits als Jugendliche hat sie ihr Herz an ein Land und seine Sprache verloren. Als Sprach- und Kulturbotschafterin vermittelt sie seitdem ihre Begeisterung für das Italien von gestern, heute und morgen.

Maja Pflug

Auch ihr Weg dahin blieb nicht ganz ohne Mühen, doch sie hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt, viel Zeit mit Land und Leuten verbracht, sich mit einem Au-pair-Aufenthalt in Großbritannien sogar selbst auf die Probe gestellt, indes: Nichts half, Italienisch musste es sein. So entschloss sie sich schließlich, „diesen Identitätskonflikt zu überwinden und meine beiden Teile zusammenzubringen“, indem aus der Leserin Maja eine Übersetzerin wurde. Zunächst, wie so viele, vor Gericht, denn leisten muss man sich seine Leidenschaft ja auch können, doch sobald die ersten Kontakte mit Verlagen Früchte trugen, widmete sie sich mit ganzer Seele ihrem liebsten Hobby. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Trotz „unzählig vieler Preise“, darunter der deutsch-italienische Übersetzungspreis für ihr Lebenswerk, ist sie boden-ständig und bescheiden geblieben und lebt ihr Motto: „übersetzen, was man liebt“. Noch heute, viele Jahre und unzählige Romane später, gehört es zu ihren liebsten Beschäftigungen, sich spontan irgendwo in ihrer Wahlheimat Rom auf eine Bank zu setzen und den Leuten zuzuhören, denn: Sprache in all ihrer Bandbreite ist „unglaublich spannend“!

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Susanne Döllner
15 Mai

Don’t Forget to Play …

von Stefanie Werner

Mit dieser liebevollen Erinnerung lud Literaturübersetzerin Beate Schäfer im Namen des Münchner Übersetzerforums kürzlich zu einem Workshop ein, der mich sofort anlachte. Zwar sind wir Spracharbeiter unentwegt mit den Worten und Silben zugange, aber es ist meist doch „Arbeit“, das Spielerisch-Leichte kommt mitunter zu kurz. Beate Schäfer, selbst literarische Übersetzerin, daher mit unserem Dilemma bestens vertraut, nahm uns als erfahrener Schreibcoach sanftmütig an die Hand und begleitete diesen Abend mit großer Sensibiliät.

Welches Tier ist dein Text?

Was die Dozentin dann in ihrem Handout „Impuls-Werkstatt“ nannte, hatte seinen Namen wahrlich verdient. Die Übungen, die sie mit rund zwanzig online zugeschalteten Übersetzerinnen des MÜF unternahm (sic: wir waren nur weiblich besetzt), führten uns auf Anhieb ins Reich der Fantasie. „Wenn unser Text, der gerade auf dem Schreibtisch liegt, ein Tier wäre, was hätten wir wohl vor uns?“

Spannend. Reizvoll. Nach kurzer Zeit, in denen die Köpfe zu rauchen begannen, kamen die ersten spontanen Antworten: mit den Antworten erklang manch erkenntnisgeplagter Seufzer („mein Text ist ein glitschiger Regenwurm“) und es entstanden Kreuzungen, die noch kein Biologe dokumentiert hat, Sprungschnecken zum Beispiel. Mir schoss sofort das Wort „Panther“ in den Kopf und tatsächlich beschäftigte mich dieses als warm-up gedachte Spielchen noch eine ganze Weile.

Freewriting: Let it all out

Das „Freewriting“ war mir als Übung ein Begriff, doch schon lange verstaubten die vor Jahren geschriebenen Seiten in meiner Schreibtischschublade. Erfrischend, wieder einmal neu anzusetzen. Und das Schöne: im Webinar ist man nicht allein. Wie eine Kollegin des MÜF treffend sagte: sie spüre diesen „Raum“, der ja virtuell ist, als echten, geschützten Ort, an dem man Vertrauen fasst und eine Atmosphäre entsteht, die wie in Präsenzseminaren wohltuend ermutigend und anregend ist. Wie wahr. Wie gut.

Elfchen: Lyrik für alle

Was ich nicht kannte, war das „Elfchen“. Und das hat mich wirklich verfolgt. Schon am nächsten Morgen wachte ich auf mit den nächsten elf, brav sortierten Worten vor Augen. Was das ist? Eine Art Kurzgedicht, elf Worte, in jeder Zeile eins mehr. Verdichtet, verknappt, pointiert. Bilder entstehen. Manchmal Wortgewalt. Assoziationen, die mit ganz wenig herausgekitzelt werden.

Kind
hüpf weiter
tob dich aus
ich halte dich im
Flug.

Das Ausprobieren von Figurenstimmen war am Ende die Königsdisziplin. So wie wir beim Übersetzen immer die Stimme unserer Figuren im (Hinter-)Kopf haben sollten, war diese Aufgabe naheliegend, aber nicht leicht. Wie treffend manche Kollegin eine Stimme entwarf, dass man sofort eine Person, eine Situation erkannte und bildlich vor Augen hatte, war großartig. Und bestätigte mich in meiner Überzeugung, dass man nicht übersetzen kann, wenn man nicht auch ein kleines bisschen das Schreibgen in sich trägt …

Stefanie Werner, bloggt auf ihrer eigenen Website: www.text-haus.de

18 Okt

Hieronymus außer Haus – Offenes Mikro

von Katharina Martl

Zum Hieronymus-Tag am 30. September 2020 lud das Münchner Übersetzerforum seine Mitglieder in die Bibliothek des Literaturhauses zu einem Format ein, das im März 2016 schon einmal erfolgreich stattgefunden hatte: das Offene Mikro. Weiterlesen

19 Feb

Der neue Normvertrag – Ein Vortrag von RA Struppler

Seit dem 1. Juni 2019 ist der neue Normvertrag in Kraft, vereinbart zwischen dem VS in ver.di / VdÜ e.V. und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels e.V. / Verleger-Ausschuss. Ist er den Kolleginnen und Kollegen überhaupt präsent? Was ist neu, was ist anders, und wie gehen wir beim Verhandeln mit unseren Verlagen damit um?

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30 Jan

Eduardo Halfon: Duell – Ein Abend im Instituto Cervantes

Eine Geschichte von Erlösung und Ekstase

(c) Peter-Andreas Hassiepen

Auf der Bühne sitzen drei Herren. Von links nach rechts: Luis Ruby (Übersetzer), Eduardo Halfon, (Autor) und Piero Salabè (Lektor). Was sie herführt, ist ein jüngst in deutscher Übersetzung erschienenes Buch. Was sie eint, so scherzhaft Piero Salabè über die drei Kahlköpfe, sei ganz offenkundig: derselbe Haarschnitt. Es wird nicht der letzte Witz des ebenso heiteren wie nachdenklichen Abends bleiben. Was die drei Männer womöglich ebenfalls verbindet, so führt Salabè weiter aus, sei ihre ambige Herkunft. Luis Ruby als Halbspanier, Piero Salabè als Halbitaliener und Eduardo als … ja, als was denn eigentlich? „Wer bist du, und wenn ja, wie viele?“, zitiert der Lektor einen Bestsellertitel und stellt damit eine zentrale Frage: die nach der Identität. Als guatemaltekischer Jude mit libanesischen und polnischen Wurzeln, der im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie in die USA übersiedelte, erkennt sich Eduardo Halfon in der chamäleonartigen Anpassung des Juden aus Woody Allens Film Zelig wieder. Halte er sich in Guatemala auf, so sei er Guatemalteke, in den USA rede er wie ein Amerikaner und zu Besuch in Spanien, wechsle er automatisch in einen anderen Akzent.

Mosaikstein des Gessamtwerks

Das Buch, das er an diesem Abend vorstellt – Duell – ist sein dritter Roman, nach Der polnische Boxer und Signor Hoffman, allesamt auf Deutsch bei Hanser erschienen. Lektor Piero Salabè würdigt den Übersetzer für seine „ganz hervorragende Arbeit“ und den Autor als einen der originellsten Schriftsteller nicht nur Lateinamerikas, sondern der gesamten spanischsprachigen Literatur der Gegenwart, und tritt sogleich den Beweis an: Jedes Buch aus Halfons Feder sei ein Mosaikstein eines Gesamtwerks, immer wieder tauchen Bezüge zwischen den Erzählungen auf und es gebe je nach Land unterschiedliche Fassungen derselben. Der rote Faden in all seinen Werken: der Erzähler Eduardo. Der in allem seinem Autor gleiche, bis auf ein markantes Detail: Die Figur Eduardo raucht. Der Autor nicht. Schmunzeln im Publikum. Zudem erzähle er fast immer Episoden aus seiner eigenen bewegten Familiengeschichte. Doch der echte Eduardo weist sogleich den Verdacht, er schreibe an einer Familiensaga, von sich. Vielmehr vergleicht er sein Schreiben mit einer Theaterinszenierung, bei der sein familiärer Hintergrund die Kulisse bilde, die Handlung jedoch reine Fiktion sei.

Ekstatische Wahrheit

Für ihn sei der Begriff „Autofiktion“ deshalb auch Nonsens, weil im Grunde doch jede Fiktion eine Autofiktion sei. Denn, so versucht sich der Autor an einer Erklärung, ihm scheint, der Leser habe spätestens auf Seite drei eines Buches vergessen, dass er einen Roman vor sich liegen habe, und lese das Werk in der Erwartung einer wahren Geschichte. Ganz im Sinne der „ekstatischen Wahrheit“ bei Werner Herzog bediene sich Eduardo Halfon dieses Effekts und verstärke ihn, indem er seinen Erzähler Eduardo mit sämtlichen biografischen Details seiner selbst ausstattet. Entscheidend sei für ihn als Autor auch nicht, was er schreibe, sondern wie er schreibe. So habe er die erste Fassung des Romans in drei Monaten zu Papier gebracht, dann aber zwei Jahre lang an der Sprache gefeilt. Auch bejaht er, dass er als Ingenieur womöglich zu einer gewissen Sprachökonomie tendiere. Doch vielmehr gehe es ihm um Musik, um Rhythmus in der Sprache, Wiederholungen als Taktgeber. Auf die interessierte Nachfrage des Autors hin, bestätigt ihm sein Übersetzer Luis Ruby, dass diese Elemente auch im Deutschen sehr gut nachahmbar seien, nur bei Wortspielen werde es bisweilen knifflig. Doch wovon handelt das konkrete Buch eigentlich?

Auf der Fährte falscher Erinnerungen

(c) Hanser Verlag

„Er hieß Salomon. Er starb, als er fünf war, ertrunken im Amatitlán-See. So bekam ich es als Kind in Guatemala erzählt.“ So beginnt der Roman, der zunächst davon erzählt, wie der Erzähler Eduardo als Kind in dem Glauben aufwächst, sein Onkel, der Bruder seines Vaters, sei als Kind ertrunken. Mit dem Geist des toten Salomon, dessen Name in der Familie nie ausgesprochen wird. Doch dieses Bild bekommt später erste Risse, als Eduardo, inzwischen in den USA lebend, auf ein Foto stößt, das den vermeintlich toten Onkel 1940 im Schnee in New York zeigt. Wie kann das sein? Der erwachsene Erzähler schließlich macht sich am Amatitlán-See auf die Suche nach dieser seiner falschen Erinnerung und findet stattdessen eine andere, viel schrecklichere, wie Lektor Salabè erzählt. Das Publikum hält den Atem an. „Doch mehr wird hier nicht verraten“, verkündet er auf Dringen des Autors den gebannten Zuhörern, die ob dieses Telenovela-artigen Cliffhangers halb amüsiert, halb enttäuscht auflachen.

Telenovela vs. Novela total

Stattdessen verlegt sich der Lektor darauf, den Autor zum Titel seines Buches zu befragen, denn auch mit diesem hat es eine Besonderheit auf sich. Der Originaltitel Duelo ist, so sein Autor, geradezu perfekt, da er im Spanischen drei Bedeutungen und somit wiederkehrende Motive des Buches abdecke: Trauer, Schmerz, aber eben auch ein Duell – das Ringen zwischen zwei Brüdern. Leider ließen sich bislang in keiner anderen Sprache all diese Nuancen abdecken, sodass sich der deutsche Verlag für Duell entschied, während die englische Übersetzung unter dem Titel Mourning erscheint.

Der See als Hauptfigur

Es ist ein Buch, das das Thema Schuld verhandelt. Persönliche Schuld. Schuld in der Familie. Die Schuld eines ganzen Landes. Für Halfon mit seinem biografischen Hintergrund eine besondere Frage – ob in Hinblick auf Guatemala, wo man schnell in Ungnade falle, sobald man das Wort „Genozid“ ausspreche, oder die USA, wo noch heute Denkmäler ehemaliger Generäle die Sklaverei glorifizieren. Oder zu Gast hier in Deutschland, wo sein Großvater mütterlicherseits sechs Jahre lang im KZ Sachsenhausen interniert war.

Letztlich, so Halfon, sei die Hauptfigur des Buches der See, ein Spiegel für Land und Leute. Ein See, in dem immer wieder Kinder ertrinken – so erst letzte Woche – arme Kinder, für deren Schicksal und Namen sich niemand interessiere. So werde dieser See zum Sinnbild für nicht eingestandene Schuld. Der Erzähler in Duell erlebt persönliche Schuld, doch er erfährt auch Erlösung, Ekstase. Doch wenn es schon als Individuum so schwer fällt, sich Schuld einzugestehen, wie viel schwerer muss es dann für ein ganzes Land sein?, stellt Halfon die Frage in den Raum und macht damit den Raum auf für neue Fragen, denen er womöglich in künftigen Erzählungen nachgeht. Aus jedem seiner Bücher schöpfen sich Geschichten für neue Bücher, so der Autor, der bereits an einem neuen Roman arbeitet. Wovon er handeln wird, bleibt er wie so viele andere Auflösungen an diesem Abend schuldig. Doch eines ist sicher: Es wird ein weiterer Mosaikstein sein, mit dem sich die novela total, der „totale Roman“, an dem Halfon nach eigener Aussage arbeitet, zu einem Gesamtpanorama zusammensetzt.

(c) Janine Malz, 2020

16 Jan

Altersvorsorge für Literaturübersetzer:innen

Literaturübersetzer:innen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, im Rentenalter zu wenig Geld zu haben. Stichwort Altersarmut. Das ist soweit nichts Neues. Wir arbeiten in einem Niedriglohnsektor, oft nur in Teilzeit oder machen nebenher noch einen Minijob. Die Prognose für das gesetzliche Rentenniveau für 2020 liegt bei etwa 46 Prozent des Nettoeinkommens, Tendenz fallend. Die Zukunft ist also alles andere als rosig. Weiterlesen

16 Dez

Alle Jahre wieder: Übersetzer*innen persönlich

Ein Abend mit Frau Ott, Frau Ott und Frau Ott

Am 12. Dezember dieses Jahres stellte die ehemalige Vorsitzende Regina Rawlinson drei Übersetzerinnen vor, die, wie sich sehr zur Erheiterung des Publikums herausstellte, alle den Nachnamen Ott tragen. Ob die Kolleginnen aufgrund dessen ausgewählt wurden, sei dahingestellt; fest steht, dass Reginas charmante Moderation sowie die nicht minder charmanten vorgestellten Damen den Abend zu einem sehr interessanten und äußerst kurzweiligen machten.

Den Anfang des übersetzenden TriptychOtt macht Bernadette, die als Quasi-Kunsthistorikerin der Verfasserin dieser Zeilen diesen Wortwitz hoffentlich nachsieht. Bernadette kommt aus Franken und übersetzt aus dem Englischen und Französischen, wobei sie keine der beiden Sprachen studiert hat. 1988 schloss sie ein Magisterstudium in Neuerer Deutscher Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte ab und begann ein paar Jahre später mit dem Übersetzen essayistischer sowie kunst- und kulturgeschichtlicher Texte.

Sie habe so einige „Regalmeter“ und „Bücher, die sich gut stapeln lassen“ übersetzt, erzählt Bernadette. Etwas später seien dann über Kontakte Bilderbücher zu ihrer mittlerweile sehr beeindruckenden Veröffentlichungsliste hinzugekommen. Sie schmunzelt, „Bilderbücher übersetzen“, das gehe ja an und für sich gar nicht. Doch dann fängt Bernadette an, ein bisschen über ihre Erfahrungen mit dem Genre zu berichten, und es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie ins Schwelgen gerät. Im Prinzip hätten Bilderbücher sehr viel mit Lyrik gemeinsam, die Sprache sei sehr schön ,und es herrsche eine „teilweise sehr literarische Konzentration von Lyrik“, wobei sich zusätzlich „die Lyrik und das Visuelle auf einer ganz anderen Ebene kreuzen“. Natürlich gibt es bei Bilderbüchern ebenso übersetzungspraktische Hürden zu überwinden wie bei allen anderen Texten. So müssen selbstverständlich die Illustrationen und das Layout berücksichtigt oder landesspezifische Anpassungen bei Flora und Fauna gemacht werden.

Auch die kleinen Niederlagen, die sich wohl alle Übersetzer*innen hin und wieder eingestehen müssen, gehören zum Alltag: In dem Bilderbuch Medusenkind von Kitty Crowther kommen unter anderem Hebammen vor, die im französischen „sage-femme“ heißen. Wörtlich übersetzt also „weise Frau“. Diese im Original existierende Doppeldeutigkeit sei bei der Übersetzung leider verloren gegangen, bedauert Bernadette. Sie kann allerdings mit weitaus mehr als ‚nur’ Bilderbuchübersetzungen aufwarten. Liest man ihren Lebenslauf, springen einem gleich mehrere Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis ins Auge, zuletzt 2019 für Stadt am Meer von Joanne Schwartz und Sydney Smith. Einige Stipendien und Lesungen säumen ihren Werdegang, zum Beispiel ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium in Montreal 2009 im Rahmen des Kulturaustauschs Bayern–Quebec, oder die Lyriklesung und –performance mit der Montrealer Lyrikerin Chantal Neveu zum Welttag der Poesie 2014 im Bundeskanzleramt – wahrscheinlich Bernadettes ganz persönliches Sahnehäubchen. Dessen ungeachtet fügt sie zum Schluss fast schon entschuldigend hinzu, dass sie ja schon gerne mehr Erwachsenenliteratur übersetzen würde; etwas, das angesichts all ihrer bisherigen Errungenschaften alles andere als abwegig erscheint.

Johanna Ott ist die zweite, ebenfalls aus Bayern stammende Übersetzerin des Abends und mit zarten 35 Jahren zugleich die jüngste. Sie übersetzt aus dem Englischen und Spanischen, und man darf sich von ihrer scheinbar kurzen Karriere nicht täuschen lassen – seit 2016 hat sie beachtliche zehn Veröffentlichungen vorzuweisen. Bereits zu Schulzeiten wurde Johanna eine Liebe für Fremdsprachen und Literatur mit auf den Weg gegeben, der daraufhin zum Magisterstudium der Neueren Deutschen Literatur, englischer Literaturwissenschaft und Ethnologie führte (mit Abstechern in die Psychologie, Komparatistik und Romanistik). Weiter ging es 2012 nach Guatemala zu einem Freiwilligenprojekt, für das die spanischen Werkzeug-Vokabeln vergeblich gelernt wurden, denn die Bohrmaschine war schlicht „la Bosch“.

Trotz vieler schöner Erfahrungen wollten andere Herausforderungen bewältigt werden, und so flog Johanna nach einem halben Jahr zurück und dem Masterstudiengang ‚Literarisches Übersetzen’ an der LMU München direkt in die Arme. Der Abschluss folgte 2016 mit einer Masterarbeit zum Thema Filmsynchronisation, ebenfalls ein Steckenpferd Johannas. Und so führte ihr Weg sie schließlich bereits Ende 2015 zum heiligen Gral, zum ersten Auftrag. Es sei „nur“ ein Beileger für das Lonely Planet Traveller Magazine gewesen, meint Johanna und lächelt verlegen. Auch sonst habe sie bisher „nur“ Reiseliteratur, Sachbücher und Fachübersetzungen gemacht, und man will ihr am liebsten zurufen: „Na und? Ist doch super! Jeder muss mal irgendwo anfangen, und dein Anfang ist gemacht!“ Ein Übersetzungsseminar an der Universität Augsburg hat Johanna ebenfalls schon geleitet und gesteht lachend, davor so nervös gewesen zu sein, dass sie weinen musste. Auf die Frage, was sie in Zukunft gerne übersetzen würde, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: „Belletristik und Filmübersetzungen.“ Wir drücken die Daumen, Johanna! Hieronymus sei mit Dir!

Zu guter Letzt tritt mit Andrea Ott eines der MÜF-Mitglieder der ersten Stunden vor das Publikum. Sie wurde schon einmal zu Weihnachten vorgestellt, allerdings vor so langer Zeit, dass Regina (zurecht) die Entscheidung traf, sie am heutigen Abend zum zweiten Mal einzuladen.

Andrea beginnt entwaffnend ehrlich: Zum Übersetzen sei sie unter anderem gekommen, weil sie früher selber Bücher habe schreiben wollen; doch dann die Feststellung: „Ich hab nix zu sagen“. Glauben mag man das nicht so recht, wenn man ihr dabei zuhört, wie sie von ihrem ersten Auftrag erzählt. Shirley von Charlotte Brontë hat sie übersetzt. Erstmal einfach so (und auf den spontanen Vorschlag ihrer Mutter hin), um zu sehen, wie es denn sei. Nach ein paar Kapiteln marschierte sie mit ihrer Übersetzung zum Manesse Verlag und zur richtigen Lektorin, einer „Heiligen“, und 1989 wurde Andrea schließlich mit Shirley zum ersten Mal veröffentlicht. Auch ihre übrige Vita lässt nicht glauben, dass Andrea nichts zu sagen hat. Als Regieassistentin und Dramaturgin hat sie gearbeitet, ein Programmkino aufgebaut und betrieben, ist Mutter von zwei Kindern. Und seit 1986 Übersetzerin mit der Sprachkombination English–Deutsch.

Eine beträchtliche Menge Klassiker gehen auf ihr Konto, neben Charlotte Brontë auch hochkarätige Namen wie Jane Austen und Anthony Trollope, um nur einige zu nennen. Zudem gibt sie seit 2007 Workshops und Seminare, und das alles, ohne je studiert zu haben. Als Bestätigung für diese erklecklichen Leistungen kam dann 2016, pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum ihres Übersetzerinnendaseins, der Wilhelm Merton-Preis für europäische Übersetzungen. Ein Preis, der von, so eine etwas schelmische Andrea, „wohltätigen Bankern, die beschlossen haben, mal etwas für die Kultur zu tun“, vergeben wird. Man kann das Publikum einvernehmlich und ehrfurchtsvoll nach Luft schnappen hören, als sie die Dotierung verrät: 25.000€. Das sei dann „schon schön“ gewesen. Doch dabei geht es natürlich nicht nur ums Geld, wie Andrea es in ihrer Dankesrede von 2016 wunderbar auf den Punkt gebracht hat: „[M]it diesem Preis [wird] die Arbeit des Übersetzens an sich ins Rampenlicht gerückt. Da hat sich jemand Gedanken darüber gemacht, dass die deutschen Sätze im Buch eines fremdsprachigen Autors nicht von selbst entstehen und ihre Entstehung mit reichlich Mühe verbunden ist. Insofern ist diese Ehrung hier und heute eine Ehrung für alle Übersetzer.“

So lässt sich abschließend eigentlich nur noch sagen, dass der rundum gelungene Abend wahrscheinlich insbesondere alle anwesenden Nachwuchsübersetzerinnen ermutigt und motiviert hat. Der Ratschlag, der unisOtto (entschuldigung) gegeben wurde, nämlich, dass man als Anfänger*in unter gar keinen Umständen die Flinte ins Korn werfen darf, stieß dank des unterhaltsamen Einblicks in drei komplett unterschiedliche, aber ausnahmslos inspirierende Lebensgeschichten sicherlich nicht auf taube Ohren.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank an Regina, Bernadette, Johanna und Andrea – und natürlich an alle, die wieder großzügig für den Büchertisch gespendet haben! Euch und allen anderen frohe Weihnachten, besinnliche Feiertage und einen schmucken Rutsch in ein gesundes und erfolgreiches 2020!

©Elina Baumbach

22 Nov

Selbst-PR für Literaturübersetzer*innen

Sich zeigen, die eigene Stimme in den Vordergrund rücken, von sich selbst sprechen: Das gehört nicht unbedingt zum Tagesgeschäft von Übersetzerinnen und Übersetzern. Die PR-Mentorin und Buchautorin Daniela Heggmaier hat nachgeholfen.

Mit dem Mauerblümchendasein hat Daniela Heggmaier Erfahrung,  stand sie doch selbst jahrelang im Hintergrund und verhalf als PR-Beraterin anderen zu wirkungsvollen Auftritten. Bis sie 2012 ihren Blog startete. In der Bibliothek des Literaturhauses erklärte sie den zahlreich anwesenden Übersetzer*innen, wie man das Internet und andere „Bühnen“ für die Selbst-PR nutzen kann und das auch noch auf achtsame Weise.

Sichtbar sein

Regel Nr. 1:

Wer sich der Öffentlichkeit wirksam präsentieren möchte, muss sich und seine Arbeit zeigen.

Klingt logisch, ist aber gar nicht so einfach. Mit Verweis auf das Buch Show your work des amerikanischen Autors Austin Kleon, erklärte die Referentin, dass man sich zeigen soll, wie man sein möchte, dann werde man auch so wahrgenommen. „Selbstausdruck“ nennt Heggmaier das. Wer also Künstler*in sein möchte, darf sich auch als Künstler*in präsentieren. Auf Unverwechselbarkeit komme es an. Das fängt bei der individuellen Kleidung an und hört bei den richtigen Fotos noch lange nicht auf.

Beziehungen aufbauen

Wie kann man im Internet, diesem riesigen anonymen Universum, Beziehungen aufbauen?

Zunächst sei es ratsam, sich die Internetcommunity als Unterstützer vorzustellen, als Partnerinnen oder interessierte Kunden. Für den Beziehungsaufbau gebe es klare Regeln. Als erstes gelte: Bleiben Sie positiv. Kritisieren, verurteilen und klagen Sie nicht in Ihren Posts. Eine weitere Grundregel: Geben Sie ehrliche und aufrichtige Anerkennung. Sich für andere zu interessieren, sei enorm wichtig. Dazu kann man Posts von anderen teilen, liken oder wohlwollend kommentieren.

Überzeugungsarbeit

Wie kann man die Menschen, mit denen man auf diese Weise in Kontakt getreten ist, dann von sich überzeugen? Dazu sollte man zuhören, stets freundlich sein und die Meinung anderer achten. Man dürfe die Community aber auch gern zum Wettbewerb herausfordern, die eigenen Kompetenzen und Leistungen zeigen. Die wirkungsvollste Weise, das zu tun, sei empathisch zu bleiben. Auf folgende Fragen komme es dabei an:

Welche meiner Kompetenzen nützen anderen? Wie kann ich helfen?

Das ist die so genannte Füllhorn-Strategie, die nichts anderes beinhaltet, als großzügig Wissen an andere weiterzugeben, Denkanstöße und Wissenswertes zu teilen und zu posten. Aber auch selbst Fragen stellen und aktiv Hilfe suchen komme gut an. Geben und Nehmen sei ein wichtiger Grundsatz. Der eigene Blog oder Email-Newsletter ist z.B. ein wirkungsvolles Instrument, die eigenen Kompetenzen zu zeigen und Wissen zu teilen. Man erreiche damit oft mehr Menschen als über Social-Media-Kanäle.

Sieben Säulen

Weiter ging es mit den sogenannten „Sieben Säulen der Selbst-PR“. Eine wichtige Frage hier:

Wie kann ich mich zur Marke machen?

Joseph Beuys‘ Hut oder Hans-Dietrich Genschers gelber Pullover sind besonders prägnante Beispiele für persönliche Markenzeichen, die in der Erinnerung haften bleiben.

Aber es geht nicht nur ums Äußere, auch persönliche Werte sollte man kommunizieren und die eigenen Fachgebiete herausstellen. Andere können einen dabei unterstützen, eine „Marke“ zu werden. Es sei z.B. sinnvoll, um Rückmeldung zu bitten, welche Qualitäten andere an einem selbst wahrnehmen. Denn die eigene Außenwirkung kennt man selbst meist nicht.

Danach ging es um das sogenannte persönliche „Warum“. Wie habe ich mein Talent überhaupt entdeckt? Wie bin ich geworden, was ich bin? Über diese Fragen lohne es sich, nachzudenken und die Antworten dann zu kommunizieren. „Storytelling“ nennt sich das. (weiterführende Informationen dazu bei Simon Sinek Start with why).

Aber – wie man spätestens seit Gottfried Keller weiß – Kleider machen eben doch Leute. Den eigenen Stil zu finden sei wichtig. Sich in individueller Kleidung zu präsentieren, in der man sich wohl fühlt, erzeuge positive Resonanz bei anderen. Zur Außenwirkung gehören auch fantasievolle Visitenkarten und vor allem gute Fotos. Dafür lohne es sich auch, etwas Geld auszugeben.

Eine weitere Säule: ein gutes Netzwerk. Die eigene Webseite, die Nutzung von Social-Media-Kanälen oder beruflichen Netzwerken wie LinkedIn helfen, es aufzubauen. Ein besonders wirkungsvolles Werkzeug sei der Blog. Personality-Blogs, wie Heggmaier sie bezeichnet, förderten die eigene Sichtbarkeit im Netz und seien eine Gelegenheit, die eigene Kreativität zu zeigen. Aber bitte immer auf Kontinuität achten und regelmäßig bloggen.

Auch Medienarbeit ist eine Säule der Selbst-PR. Man kann an Presseevents teilnehmen, versuchen, Journalistinnen und Journalisten für die eigene Arbeit zu begeistern und signalisieren, dass man für Interviews und Vorträge zur Verfügung steht. Als Übersetzerin könne man auch mal mit dem Gedanken spielen, ein eigenes Buch zu schreiben, schließlich hat man ja gute Verlagskontakte.
Achtsam sein

Für Selbst-PR braucht man Mut. Das bedeute aber nicht, sich zu verbiegen, um aufzufallen oder Dinge zu tun, mit denen man sich unwohl fühlt. Für jeden Typ, ob introvertiert oder extrovertiert, gebe es die passenden Strategien und Kanäle. Wer eher kontaktfreudig und mitteilsam ist, kann z.B. einen Youtube-Kanal oder TikTok für sich nutzen.

Kontinuität zu achten, sich also regelmäßig über seine Kanäle zu äußern. Das signalisiert Professionalität.

Questions & Answers

Zum Schluss kamen noch Fragen und Anregungen aus dem Publikum. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie über ihre Eintragung in die Datenbank des VDÜ schon Aufträge bekommen habe. Fast alle Teilnehmer*innen sprachen von der Wirksamkeit des Vitamins B. Hier sei, so Heggmaier, eine gut gepflegte Webseite wichtig, denn damit mache man sich „empfehlbar“. Sie sei wie eine Visitenkarte und zudem ein Service, der alle Informationen zur Person für potenzielle Kunden bündele.

Insgesamt ging man mit dem Gefühl nach Hause, dass man mit Stetigkeit und Authentizität schon viel im Netz erreichen kann. Ein durchaus beruhigendes und motivierendes Gefühl.

(c) 2019 Sabine Voß

28 Okt

Vom Umgang mit „Unübersetzbarem“

Eine detektivische Übersetzer-Reise mit Burkhart Kroeber

Zum Thema Umgang mit „Unübersetzbarem“ hatte das MÜF Burkhart Kroeber am 10. Oktober ins gut besuchte Forum des Literaturhauses geladen. Es sollte an diesem Abend aber weder um Umberto Eco noch um Calvino oder Manzoni gehen, sondern darum, wie Übersetzerinnen und Übersetzer auf der ganzen Welt „eine besonders eigenwillige und einzigartige Stelle in Thomas Manns Zauberberg“ behandelt haben. Kroeber erzählte, wie er den Roman zum ersten Mal als 19-Jähriger gelesen habe, aber damals noch völlig unschuldig und nicht durch die Brille des Übersetzers. Bei einer Zweitlektüre, viele Jahre später, blieb der inzwischen bekannte Eco-Übersetzer nach ca. 780 Seiten plötzlich an einer Textstelle hängen: „ … kahles Geäst, das draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt“ (Der Zauberberg, Teil VII, Kap. Vingt et un, ca. 3 Seiten vor dessen Ende), und stellte sich die Frage: Wie haben die Kolleg*innen das bloß in ihre Sprachen gebracht?

Ein hapax legomenon

Kroeber war auf ein „echtes“ hapax legomenon gestoßen. Denn gebe man das Adjektiv „krähenschreihart“, das Thomas Mann seiner Figur Mynheer Peeperkorn in den Mund legt, in Google ein, werde man genau zu dieser Stelle und ihren Kommentaren geführt, sonst komme es aber nirgendwo vor. Kroebers detektivischer Spürsinn war geweckt: Über mehrere Jahre ging er der Sache nach, machte 39 Übersetzungen des Zauberbergs in 26 Sprachen ausfindig, verglich sie, zapfte dafür das Sprachwissen vieler Kolleginnen und Kollegen an, die ihm gerne dabei halfen, und sammelte die sinngemäßen deutschen Übertragungen zu den fremdsprachigen Textstellen. (vollständige Liste hier)

 

Übersetzerische Herausforderungen

Über den Beamer sahen wir uns die Textstellen im Einzelnen an, „nicht um sie hochnäsig zu kritisieren oder uns über sie lustig zu machen“, so Kroeber, „sondern um etwas über die Eigenarten der jeweiligen Sprachen zu lernen.“ Und wir erkannten schnell: Die problemlos mögliche Agglutination aus „Krähe“ + „schreien + „hart“ im Deutschen stellt andere Sprachen vor höchste übersetzerische Herausforderungen.

Könnte es sein, dass alle späteren Übersetzer*innen von der ersten Version abgeschrieben haben?

Bereits 1927 machte sich die Amerikanerin Helen Tracy Lowe-Porter an die Arbeit, das deutsche Monumentalwerk zu übersetzen. Sie zerlegte das Adjektiv in seine Bestandteile und schmiss  die „Krähen“ aus ihrer Übersetzung. Aus „kahles Geäst, das draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühestarrt“ wird bei ihr: „rigid in the harsh and penetrating mist of early dawn … “(wörtlich: „starr im harten und durchdringenden Nebel des frühen Morgens …“). Damit legte sie auch den Grundstein für ein Missverständnis, dass sich in fast allen Übersetzungen (außer der ungarischen, der zweiten tschechischen, der slowenischen und der georgischen) fortschreiben sollte: Aus dem Verb „starren“ bei Thomas Mann wird „starr“ (im Sinne von „erstarren, gefrieren, steif dastehen“). „Könnte es sein, dass (fast) alle späteren Übersetzer*innen von der ersten englischen Version abgeschrieben haben?“, fragt Burkhart Kroeber in die Runde. „Oder war vielleicht das Grimmsche Wörterbuch daran Schuld, in dem Lowe-Porter 1927 nachschlug?“ Auch diese Fährte verfolgte er und fand heraus, dass bei den Grimms das Verb „starren“ als lautlicher Zusammenfall zweier verschiedener Stämme erklärt wird und als erste Bedeutung „erstarren“ genannt wird (und danach erst „starr blicken“). Auch in der englischen Neuübersetzung von 1995 kann sich der in Berlin lebende Übersetzer John E. Woods (der auch Arno Schmidt ins Englische übertrug) nicht anders behelfen, als das Adjektiv zu zerlegen. Bei ihm wird daraus das wohlklingende „harsh with the cries of crows“. Anschließend bereisten wir sämtliche romanische Sprachen: Auch hier funktioniert die Übersetzung nur mittels Zerlegung oder Umschreibung. Auch alle slawischen Sprachen seien durch die Bank eher sehr freie Übersetzungen.

„kråkkraxhårda“

Aber dann staunen wir: 1929 gelang es der Schwedin Karin Boye das deutsche „krähenschreihart“ fast wortgetreu mit „kråkkraxhårda“ (wörtlich: „krähenkrächzhart“) in ihrer Sprache nachzubilden. Die zweite schwedische Übersetzerin nimmt es in ihrer Version von 2011 allerdings wieder zurück, wie auch alle übrigen Skandinavisch-Übersetzer*innen.

Agglutination wäre in einigen Sprachen möglich gewesen, wurde aber nicht ausprobiert

Wie Kroeber von kompetenter Seite erfahren hat, wäre es auch dem Übersetzer ins Jiddische, Jizhak Baszevis (Wilna, 1930) – kein Geringerer als der spätere Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer! –, möglich gewesen, eine ähnliche Agglutination zu probieren, gewagt hat er es nicht. Auch im Niederländischen hätte es theoretisch funktioniert.

Und wie verhält es sich in anderen agglutinierenden Sprachen wie dem Finnischen, dem Ungarischen oder dem Türkischen? In der finnischen Übersetzung wurde die Textstelle schlichtweg gestrichen, im Ungarischen habe es nur zu einem „krähenkrächzig“ und einem separaten „hart“ gereicht, und in der türkischen Übersetzung von 2002 sei eine der wortreichsten Versionen überhaupt entstanden, sehe man einmal von den ostasiatischen Sprachen ab (und dort ginge es strukturell eben nicht anders). So erinnern die beiden japanischen Versionen Kroeber in ihrer künstlerischen Freiheit fast schon an die Übersetzung des durch die Welt gewanderten Goethe-Gedichts „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ – „Und dann war’s am Ende irgendein Haiku!“. Und was wurde schließlich aus den armen Krähen, die Lowe-Porter aus ihrer Erstübersetzung geschmissen hatte?

Keine Krähen im Morgenland

In Serbien (bei Nikolina Polovina, 1954) krächzen an ihrer Stelle „Raben“, in der griechischen Übersetzung (Ares Diktaios, 1956) bleibt nur noch eine Krähe übrig, und aus der hebräischen (Mordechay Avi-Shaul, 1955) und der arabischen Version (Ali Abd-al-Amir Salih, 1955) verschwinden sie komplett. Gemeinsam mit Burkhart Kroeber kommen wir zu dem Schluss: „In diesen morgenländischen Gegenden gibt es eben nicht so viele Krähen, weshalb die Übersetzer*innen sie ihren Lesern erst gar nicht zumuten wollten!“ Aus übersetzerischer Sicht ein durchaus pragmatischer Standpunkt. Was hätte wohl Thomas Mann darüber gedacht?

Matthias D. Borgmann, Oktober 2019